Er dachte an den neuen großen Auftrag, den er bekommen hatte. Anfangs hatte er sich darüber geärgert, denn es handelte sich um eine naturgetreue Wiedergabe von drei Landschaftsbildern für den Speisesaal auf Rottenwiede, dem Stammschlosse des Freiherrn von der Rotten. Er hatte angenommen, weil er den Preis bestimmen durfte, und er hatte sehr viel gefordert. Jetzt freute er sich über den Auftrag. »Denn die enge stoffliche Begrenzung«, dachte er, »schließlich ist sie doch keine größere Einengung als die, die bei jedem Bildnisse Voraussetzung ist.« Und er wollte einmal den Nurlandschaftern zeigen, was es heißt, eine Landschaft wörtlich abzuschreiben und doch einen echten Hagenrieder aus ihr zu machen. Ein Wort Oskar Wildes über den Wert des Reimes fiel ihm ein, über den wohltätigen Zwang, den er auf das Gemüt des Dichters ausübt, und er sagte sich: »Künstler ist nur der, der vor keinem Auftrage zittert.« Er ging schneller, denn die Hand juckte ihn nach der Arbeit.
Als er am anderen Morgen mitten im Schaffen war, fröhlich vor sich hinsummend, sah er, daß die Großmagd sich im Garten zu schaffen machte. Er hatte es immer mit Freude angesehen, das große, schlanke, herrlich gewachsene Mädchen. »Sonnenschein über Apfelblüten,« dachte er, als er ihr goldenes Haar und ihr rosiges Gesicht ab und zu über den Büschen auftauchen sah. Er freute sich über das prächtig entwickelte Muskelwerk ihrer Unterarme und den guten Sitz ihres frischen Waschkleides, und er dachte, indem er dem Spiele der Schulterblätter und der Lenden unter dem rosenrot und weiß gestreiften Rocke zusah: »Muß die einen köstlichen, unverbildeten Akt haben!«
Plötzlich fand er, daß das Mittelbild sehr gewinnen würde, wenn im Vordergrunde rechts Figuren wären, und er sah Luise da stehen und, ein Kind an der Hand, über die Haide nach dem Dorfe hinsehen. Er trat aus der Tür und rief das Mädchen in die Werkstatt. »Hören Sie mal, Luise,« begann er, sie mit Wohlgefallen ansehend. Sie wurde über und über rot und konnte ihn nicht anblicken. »Ich brauche hier für das Bild eine schlanke Figur, und Sie würden großartig dazu passen. Würden Sie so gut sein und mir dazu stehen?« Das Gesicht des Mädchens färbte sich noch roter: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr Hagenrieder,« antwortete sie leise, und ihre Stimme zitterte. »Aber in dem Kleide geht es nicht,« meinte er, und da er gerade das Bild betrachtete und dann in das Nebengemach ging, um sich Farbe und Pinsel herauszusuchen, so sah er nicht, was hinter ihm vorging. Als er nun aus dem Vorratsraume zurückkehrte, stutzte er und stand mit heißem Gesichte vor dem Mädchen, das gerade dabei war, das letzte Kleidungsstück, das ihren Leib verhüllte, abzulegen.
»Halt!« rief er und hob die Hand; »so habe ich das nicht gemeint, Luise. Ich wollte, Sie sollten sich ihr Dorfkleid anziehen; denn so brauche ich Sie hier und nicht in Ihrem städtischen Zeug.« Das Mädchen, dessen Gesicht aufgeflammt war, als er ihm gegenüberstand, wurde kreidebleich. Schlaff ließ es die Arme an den Hüften herabhängen, hielt den Kopf tief gesenkt und stotterte: »Ich, ich dachte, Sie meinten das so, weil doch die Modellmädchen und deshalb.« Ihr Herr suchte nach Luft. Das Blut kribbelte ihm unter den Haaren, der Atem wollte ihm nicht über die Lippen, und seine Augen klammerten sich an den Fußboden. »Luise,« sagte er, und heiser klang seine Stimme, »es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie mir einmal Akt stehen wollten, denn solche Figur, wie Ihre, die finde ich wohl nie wieder. Aber was wird Ihr Bräutigam sagen?« Das Mädchen nahm den Kopf in die Höhe und sah ihn an, und ihre Augen schienen ihm zu leuchten, als sie erwiderte: »Das ist aus.« Erstaunt fragte er: »Aus? Warum denn? Es war doch eine gute Partie für Sie?« Kühl antwortete sie: »Ja, er war einmal eklig gegen seine Mutter, und er schämte sich, weil sie eine Waschfrau ist.« Ohne daran zu denken, daß das Mädchen nur noch das Hemd anhatte, trat er auf sie zu und faßte ihre Hand, denn er wollte sie trösten, und da kam in ihre Augen ein Glanz, daß ihm auf einmal einfiel, daß sie vorhin gesagt hatte: »Ich will alles tun, was Sie wünschen.« Dann war alles rosenrot um ihn, und im selben Augenblicke hing das Mädchen an seiner Brust, willenlos und willfährig. Ohne zu wissen, was er tat, nahm er hin, was sie ihm gerne gab. Freude war in ihm, als sie ihn verlassen hatte. »Du liebst sie,« dachte er; »und wer liebt, ist noch jung.«
Die Blutsbrüderschaft der Stedinger, ein loser Freundschaftsverein, aus einer Mitschülervereinigung entstanden, hatte einen klobigen Häuptlingsstuhl, auf dessen riesiger mennigroter Lehne in knallweißer Pfefferkuchenschrift zu lesen war: »Der moralisch bessere Teil der deutschen Studentenschaft ist ein ganz rauhbeiniges und freches Gesindel, und dazu gehören wir!« An diesen protzigen Leitspruch mußte Helmold denken, und er lächelte dabei vor sich hin. »Ja, ich bin ein ganz unmoralischer Mensch,« dachte er, »und das bekömmt mich denn so schön!« Er besah sich ganz genau und lächelte wieder, denn ein Ausspruch von Hans von Bülow, den er sehr liebte, fiel ihm ein: »Die Kunst steht über der Moral,« hatte der irgendwo geschrieben: »Der Künstler, der würdige Priester seiner Kunst, hat, sei er im übrigen auch wie er wolle, gerechten Anspruch auf höhere persönliche Geltung als der einfache gute Mensch und Bürger.«
Er belehrte sich daraus also: »Ich bin äußerst schöpferisch als Künstler, also auch als Mensch. Ich habe eine Welt in mir, die ich nicht nur in Kunstwerken wiedergeben kann, sondern die ich auch durch mein Leben verkörpern muß. Ich liebe alles, was sehr schön und sehr gut ist, und eine große Zärtlichkeit drängt mich, es zu umfassen. Aus Weibes Schoße bin ich geboren und fühle mich in Dankbarkeit wieder dorthin gezwungen. Ein einziges Weib kann, ohne in Flammen aufzugehen, alle die Liebe nicht ertragen, die ich dem Weibe als solchem abzustatten mich für verpflichtet fühle, und verglimmen und verkohlen würde ich, dürfte ich meine Liebe nicht hellauf lodern und weithin leuchten lassen. Von jeher war, wo gesunde, einfache Sitten herrschten, die Magd die Zweitfrau des Hausherrn. Sie sorgte für ihn, sie schaffte für ihn, sie kannte alle seine Geheimnisse oft besser als seine Ehefrau, denn sie machte sein Bett und sah, ob er gut geschlafen hatte oder nicht. Er muß ihr dankbar sein, und wie kann ein Mann einem Weibe besser Dank abstatten als durch Kuß und Umarmung?«
Er dachte an die reizende Magd, die ihm und seiner Frau in schweren Jahren das Leben verschönt hatte durch ihr sonnenhelles Wesen, und er sandte einen Seufzer der Reue dem Kusse nach, den er sich von ihr nicht hatte nehmen mögen, weil ihr Herz für einen andern Mann schlug.
Alles das dachte er, wenn er frisch und fröhlich an den drei gewaltigen Bildern malte. Er fühlte sich durchaus nicht minderwertig, weil seine Magd seine Geliebte war; im Gegenteil, sein Gesicht blühte von Tag zu Tag mehr auf, immer federnder wurde sein Schritt, und er schaffte wieder, wie vor der Zeit, da Märzenschnee die Jungsaat seiner Seele versengt hatte. Nie hatte er vor dem Jenseits gebangt, nie ein Dankgefühl einem höheren Wesen gegenüber empfunden, aber jetzt hatte er es in sich. »Gott,« dachte er, »wenn du bist, so bist, wie das Volk ihn sich denkt, gütig und voller Verständnis für alles, was deine Kinder tun, daß du mir, dem Manne, der die Höhe seiner Tage überschritten hat, so viel blühende Jugend an das Herz legtest, damit er sich daran erquicke, ich danke dir und will dafür zu dir beten, vorausgesetzt, daß dir daran etwas gelegen ist; denn ich glaube, dir genügt es, deine Geschöpfe glücklich zu wissen.«
Er verhehlte sich gar nicht, daß sein Verhältnis zu Luise eine Gefahr für ihn wie für sie war. Sie entstammte einer hochachtbaren Arbeiterfamilie und war streng kirchlich; zudem war sie seiner Frau von Herzen zugetan. Doch sie war ebenso ganz und gar und nichts als nur Weib, daß der Gedanke, eine Sünde zu begehen, ihr die Küsse, die sie geschenkt bekam, auch nur ein ganz wenig vergällen konnten; denn sonst wäre sie nicht in den beiden Wochen des Alleinseins mit ihrem Herrn nur noch ansehnlicher geworden. Nie aber vergaß sie ihre Stellung, niemals war sie, außer, wenn sein Arm sie umschlungen hielt, etwas anderes als die Magd, die ihre Arbeit tat und dafür ihren Lohn erhielt. Als seine Frau wiederkam und das Mädchen es mehr als einmal ansehen mußte, wie die Ehegatten zärtlich zueinander waren, blieb ihr Benehmen sich gleich, nur daß es Helmold schien, als ob sie der Frau gegenüber noch mehr Willfährigkeit und Aufmerksamkeit darlegte, so daß diese sagte: »Das Mädchen wird mir von Tag zu Tag lieber; sie tut, was sie mir an den Augen absehen kann, und ich glaube, sie ist in dich gehörig verschossen.«
Er mußte lächeln, als sie so redete; sie blieb trotz der einen schlimmen Erfahrung immer noch das harmlose Gretechien ohne Arg und Sorge und dachte sich nichts bei dem, was sie in ihrer frohen Art dahinplauderte. So hatte sie auch, als sie von Swaanhof zurückkam, in aller Unschuld von Swaantje ein so rührendes Bild gemalt, daß Helmold schnell von etwas anderem sprach, denn er fühlte, daß die Sehnsucht sich wieder vor ihn stellte und ihn bittend ansah, und so sagte er denn: »Ich will ihr einen hübschen Brief schreiben, wenn ich ihr ihr Bildnis schicke, und ein paar Bücher beilegen, die ihr Freude machen werden und sie zerstreuen, bis sie nach Italien fährt.«