So kaufte er einige gute Werke, die ihr die Augen für alles das öffnen sollten, was sie in der Fremde sehen würde, wählte auch einige Bücher heiteren Inhalts, damit sie sich durch sie nötigenfalls über ihre Schmerzen hinweglesen sollte, die, wie Grete ihm erzählte, oft noch sehr arg waren, und an die er mit Bedauern dachte, doch ohne den Wunsch, sie mit leise streichelnden Händen von ihrer Schläfe zu entfernen. Dann und wann erhob sich zwar in seiner Seele das geheime Wünschen und flüsterte begehrliche Worte, aber da ihn sein Weib mit herzlicher Liebe erquickte und die Magd ihn mit untertäniger Hingebung erfrischte, so glaubte er herauszufinden, daß er in Swaantje weiter nichts gesehen habe als ein Sinnbild für seine starke Hinneigung zu dem Weibe an sich, dem er durch die Eingehung der Ehe hatte entsagen müssen.

Das Gefühl von Gereiztheit seiner Frau gegenüber, unter dem er selber am meisten gelitten hatte, war völlig verschwunden, seitdem er vor ihr diese Heimlichkeit hatte. Er hatte vor ihr eine Schuld, aber eine Schuld, die ihn nicht drückte, die ihn nur dazu antrieb, doppelt so gut zu ihr zu sein, und mehr als je zuvor regelte er sein Benehmen ihr gegenüber, wurde zärtlich wie ein Bräutigam und aufmerksam wie ein Hausfreund.

Vor allem hütete er sich, sie mit seinen eigenen Angelegenheiten zu behelligen, sobald diese unerquicklicher Art waren, und daran fehlte es ihm nicht. Der Oberbürgermeister hatte es ihm nicht vergessen, daß er ihn seinerzeit gezwungen hatte, ihn zuerst zu grüßen; er versuchte es ihm heimzuzahlen, indem er die Ausschreibung eines Wettbewerbes für die Ausschmückung des neuen Rathauses hintertrieb und es durchsetzte, daß die Aufträge unter der Hand vergeben werden sollten. So lag die Gefahr vor, daß die Hauptarbeiten recht mäßigen Malern zufielen, die es keine Überwindung kostete, den Rücken zu beugen und Vorzimmerlungerei zu treiben, worauf Helmold sich nicht einließ. Er tat überhaupt keine Schritte, einen Auftrag zu bekommen, und bat Hennecke sogar, in der Presse nicht für ihn einzutreten, zumal es ihm an Aufträgen nicht fehlte.

Als er darum mit dem Oberbürgermeister bei dem Oberpräsidenten zum Abendessen geladen war, und der Oberpräsident sagte: »Wir freuen uns sehr auf das, was Sie im Rathause schaffen werden, lieber Herr Hagenrieder, denn die Hauptgemälde werden Sie doch wohl bekommen,« lächelte er verbindlich und sagte: »Sehr schmeichelhaft, Exzellenz, aber in Hinsicht auf die vielen Aufträge, die ich anderweitig habe, war die Stadt so rücksichtsvoll, mich nicht aufzufordern.« Die Hausfrau lächelte, der Oberbürgermeister verschluckte sich und spielte während des ganzen Abends das Mauerblümchen, während Hagenrieder, den die Gastgeber sehr herangezogen, seinen Geist schillern ließ, so daß die Oberpräsidentin ganz entzückt von ihm war und ihn bat, ein für allemal sich als Gast an ihren offenen Tagen zu betrachten, eine Ehre, mit der sie recht sparsam umging.

Drei Tage darauf schrieb das Stadtoberhaupt an ihn und fragte, ob er die Wandgemälde für Rottenwiede sehen könne. Er kam, lobte mit einem gewaltigen Aufwande von hohlen Redensarten das Werk, und als er ging, hatte Hagenrieder die vier Wände des Sitzungssaales in dem neuen Rathause und die Glasfenster im Treppenhause in der Tasche. Einige Monate später ernannten ihn die städtischen Körperschaften zum Beirat in Kunstfragen, nachdem ihm kurz vorher der Herzog den Professortitel verliehen hatte. »So,« sagte er zu seiner Frau, »jetzt gelte ich sogar bei den Stadtverordneten etwas, und das will etwas heißen, denn das mehrste sind Heuochsen mit Eichenlaub und Schwertlilien.«

In voller Absicht stellte er sich jetzt in den Vordergrund der Gesellschaft, soweit es seine Zeit erlaubte. Während er früher am liebsten in Loden ging und sich halb bäuerlich trug, kleidete er sich nun derartig modisch, ohne die Albernheiten der Mode mitzumachen, daß er als einer der bestangezogenen Männer der Stadt galt und von allen Gecken studiert wurde, denn nie war ein Stilfehler in seiner Kleidung, obgleich, oder vielmehr, gerade weil er seine Kleidung ganz nach eigenem Ermessen zusammenstellte.

»Der amüsanteste Mann, den wir haben,« sagte die Oberpräsidentin; »schon als Erscheinung ein Genuß.« Er war zu einer ihrer Gesellschaften in hochgeschlossener Weste gekommen, wie sie die Bauern trugen. »Wo haben Sie denn den famosen Westenschnitt her, Herr Hagenrieder?« fragte die Gräfin Tschelinski etwas spöttisch. »Von den Bauern, meine Gnädigste, den einzigen Leuten, die heutzutage noch Kultur haben,« versetzte er. Sie warf den Kopf zurück: »Und wir, Herr Professor?« Er lächelte: »Sind nur zivilisiert!« Der Bildhauer Professor Brambach, ein würdevoller Figurenfabrikant, versuchte ihn lächerlich zu machen, indem er sagte: »Sehr praktische Tracht!« »Jawohl,« antwortete er ihm, »man braucht nicht alle acht Tage ein reines Hemd anzuziehen.« Die Gräfin schrie vor Vergnügen, und es gab eine gepfefferte Toilettendebatte.

»Sehen Sie, meine Herrschaften,« lehrte der Maler, »für den Pöbel ist es ja erziehlich, zwingt die Mode ihn, ein Teil seiner Leibwäsche zu zeigen; sonst läuft er am Ende vier Wochen in derselben Linnenhülle herum. Wir aber brauchen den Beweis, daß wir uns reinlich halten, nicht erst anzutreten; denn sonst müßten wir die umliegende Menschheit durch einen mit dem Westenausschnitt übereinstimmenden Ausschnitt in unseren unaussprechlichen Hosen davon überzeugen, daß die noch unaussprechlicheren Unterbeinkleider ebenfalls durch Tadellosigkeit glänzen.« Professor Brambach war entrüstet, die anderen quiekten vor Vergnügen.

Dann kam die Damenkleidung an die Reihe. Hagenrieder erklärte: »Nur im Reformkleid ist eine Frau angezogen; im Zweistöckigen ist sie kuvertiert.« Scharf wurde widersprochen. »Beweis?« hieß es. Mit todernstem Gesicht dozierte er: »Sie selber, meine Damen, denn Sie tragen alle Reform.« Sie lärmten, denn nur die Gräfin trug sich so. In lehrhaftem Tone fuhr er fort: »Dasjenige Kleidungsstück, das Ihnen am teuersten ist, weil es Ihrem Herzen am nächsten steht, ist, soweit ich in den Auslagen der Wäschemagazine darüber Studien machen konnte, nicht zweistöckig, sondern besteht aus einem Stücke.« Die Gräfin schloß die Augen bis auf einen kleinen Spalt, sah ihn von oben bis unten an, und ihre Zungenspitze ging über ihre Lippen.