Als er nachher im Wintergarten mit ihr allein war, fragte sie mit gemachter Harmlosigkeit: »Sie sagten vorhin, Herr Professor, schön sei der Mensch nur im Arbeitskleide.« Er nickte ernsthaft. »Ja, aber,« meinte sie, »eine Frau wie ich, in welchem Kostüm finden Sie denn die am schönsten?« Er machte sein treuherzigstes Gesicht, als er antwortete: »Auch im Arbeitskleide.« Sie fragte neugierig: »Und das ist?« Mit kindlich naiven Augen sah er sie an, als er versetzte: »Das Nachtkleid.« Sie machte ein halb entrüstetes, halb belustigtes Gesicht, als sie ihm mit ihrem Fächer einen Schlag auf die Schulter gab und zischte: »Unverschämter Mensch!« Aber als er sich glücklich lächelnd verneigte und fragte: »Ich danke gehorsamst, gnädigste Gräfin; ich darf diese Bemerkung doch wohl im Gewinnkonto eintragen?«, da lächelte sie, und ihre Augen sagten: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr Hagenrieder.«
Dann meinte sie leichthin: »Ich habe zu Hause allerlei Ahnen hängen, die ein bißchen gichtbrüchig sind, und möchte von Ihnen wissen, ob das zu heilen ist. Vielleicht sehen Sie sich die Bilder einmal an und empfehlen mir einen Restaurator, wenn es sich noch lohnt.« Er sah ihr mit heißen Blicken in die Augen: »Muß das gleich sein?« fragte er und hielt ihr den gebogenen Arm hin. Sie drohte ihm mit dem Fächer, lachte und sagte über die Schulter: »O nein. Aber wenn Sie morgen nachmittag Zeit haben?« und ging dann zu den anderen Gästen. Als er am anderen Tage zu ihr kam, empfing sie ihn in einem weichen losen Kleide von weißer Wolle. Er erhob die Hände bis zu den Schultern: »Wie wundervoll Sie aussehen, Gräfin; der Künstler dankt Ihnen.« Als er ihre Handgelenke küßte, flüsterte es über seinem Kopfe: »Nur der Künstler?« Er nahm sie in den Arm, raunte ihr in das Ohr: »O nein; der Mann dankt noch viel mehr,« und dabei küßte er sie.
Die Gräfin blieb nicht die einzige Frau aus der Gesellschaft, die sein wurde. Wenn er gewollt hätte, konnte er jeden Tag im Monat einen anderen Mund küssen. Doch er ging auf Eroberungen nicht aus; wenn aber ein Weib ihm ihre Neigung mit lächelnden Augen kredenzte, und sie erregte sein Wohlgefallen, so nahm er dankbar die Labe hin. Mit jeder Frauenseele, die sich ihm erschloß, glaubte er ein Stück Jenseitsdasein mehr zu erwerben, wähnte er sein persönliches Leben zu verlängern. Wenn er malte, sah er sich oft dastehen, umdrängt von vielen schönen Frauen und Mädchen aus allen Kreisen, die ihre Herzen in den Händen hielten, Herzen, aus denen frohlockende Flammen schlugen, die einen Duft von Weihrauch verbreiteten.
Nur eine Lücke war in der Reihe der weißen Leiber, nur ein Gesicht fehlte, nur ein Herz flammte und duftete nicht zwischen den anderen. Denn je mehr rote Rosen er in seiner Erinnerung fand, um so stärker trat wieder der Gedanke an die eine weiße Lilienblüte vor ihn. Er wehrte ihn ab, trat ihn von sich, aber immer und immer wieder winselte er vor seiner Seele herum, stahl sich in seine Träume und trabte vor ihm her, wo er ging und stand. Er suchte sich dadurch von ihm zu befreien, daß er nach Stillenliebe fuhr, auf Sauen pürschte und bei Sophien und Annemieken Trost suchte. Er mietete sich in Ohlenwohle ein, angeblich um Studien zu machen, in Wirklichkeit, um sich an Marieens derber Art von der städtischen Überfeinerung zu erholen. Es half ihm wenig; denn überall stand ein blasses, müdes Gesicht neben ihm und zwei dunkelblaue, tiefumhofte Augen sahen ihn bittend an. Er schloß alle Lichtbilder von Swaantje ein und jegliches Stück, das ihn an sie erinnerte; aber dadurch wurde es nur noch ärger.
Er schrieb seinen Zustand auf das Übermaß von Arbeit und Geselligkeit, das er sich aufgeladen hatte, schaffte langsamer, zog sich mehr zurück, doch immer mehr nur quälte ihn Swaantje Swantenius, und ab und zu waren seine Nächte wieder ohne Schlaf und seine Tage ohne Frische. So setzte er sich denn kurz vor dem Julfeste hin und schrieb ihr einen langen Brief, einen Brief, in dem er nur heiter von seinem äußeren Leben plauderte, doch ihm war, als flüsterte jede Seite Worte der Liebe, und als wäre jeder Buchstabe ein verstohlener Seufzer. Mit eigenen Händen packte er Swaantjes Bild und einige Bücher ein, legte den Brief dazu und sandte die Kiste nach Swaanhof.
Ihm war sofort leichter zumute; es schien ihm, als hielte er Swaantje bei der Hand und plauderte mit ihr, und fröhlich wartete er auf eine Antwort. Er hoffte auf weiter nichts, als auf einen im kameradschaftlichen Tone gehaltenen Brief, hinter dessen Gitterwerk von schwarzen Buchstaben vielleicht ein ganz klein wenig blumiges Hoffnungsgrün für ihn sichtbar wurde. Aber erst einige Tage nach dem Feste kam eine Sendung aus Swaanhof an ihn; sie enthielt eine lederne Zigarettentasche, verziert mit der Sonnenrune, und eine Karte, auf der die Worte standen: »Lieber Vetter, über die Bücher, das Bild und deinen lieben Brief ganz besonders habe ich mich sehr gefreut. Wie schön, daß es dir wieder gut geht! Hab tausend Dank. Dir und Grete herzlichen Gruß. Deine Swaantje.«
Ganz fassungslos starrte er auf die Zeilen. Eine Absage für immer in aller Form. »Laß mich in Ruhe!« hieß das. Er sah auf den Sessel, in dem Swaantje gesessen hatte, als er sie um einen Kuß anbettelte, und nickte mit dem Kopfe. Er holte sich alle Bilder des Mädchens aus Gretes Truhe, sah eines nach dem anderen genau an und schüttelte den Kopf. Er nahm wieder alles das durch, was er von Swaantje und sich gedacht hatte, und sagte sich: »Es hilft alles nichts; sie wird mein Tod sein, mein Vampir. Ich werde im Grabe keine Ruhe finden, wird sie nicht mein, und bleibt sie nicht die Meine.«
Als Luise ihn zum Essen rief, sah sie ihn ganz erschrocken an, und seine Frau fragte ihn: »Was ist dir, Liebster? du siehst so krank aus.« Er lächelte ihr die Sorge fort: »Ich habe mich wohl erkältet, das Feuer wollte nicht brennen.« Er legte sich nach dem Essen zu Bett und stand erst am anderen Morgen wieder auf. Alle Arbeitslust war ihm vergangen, und eine beschämende Schlaffheit beugte ihn nieder. »Geh nach Stillenliebe!« riet ihm Grete. Er nickte. »Ja, Kind, ich muß hinaus; es war ein bißchen viel Anspannung in der letzten Zeit. Ich will mir die Knochen wieder munter pürschen.«
Als er den Koffer packte, zitterten ihm die Hände, so setzte ihm das Fieber zu, und in der Eisenbahn lähmte ihn eine so ermattende Schüchternheit, daß er es sich nicht verbat, als zwei dicke Viehhändler, die einen frechen Schnapsgeruch verbreiteten, die Fenster auf beiden Seiten aufrissen. Völlig durchgefroren und ganz blaß kam er an, holte sich aus dem Grogglase wieder warmes Blut und setzte sich auf Sauen an. Gleich am ersten Abend erlegte er eine angehende Sau, und als er zurückkam, fühlte er sich wohl und munter. Aber wohl zehn Male wachte er in der Nacht vor Durst auf, und jedesmal, bevor er einschlief, sah er in seinem fieberhaften Zustande Swaantjes Gesicht auf sich zuschwimmen, weiß, kalt, ohne Haare und Augenbrauen, mit blicklosen Augen und einem Mund, dessen Lippen sich versteckten. Sehnsüchtig nannte er es bei Namen und versuchte es zu streicheln, aber sofort zerfloß es zu nichts.
Müde und unfrisch wachte er um elf Uhr auf, und die Wirtin sagte bedauernd: »Sie gefallen mir gar nicht mehr; ich glaube, nach dem Essen bringe ich Sie gleich wieder zu Bette, mache Ihnen einen Tee und decke Sie bis zum Hals zu.« Er ließ sich ihre Fürsorge gefallen und fühlte sich dadurch erwärmt; doch bald darauf war ihm noch eisiger und unglücklicher zumute, und heftige Fieberschauer stießen ihn aus dem Halbschlafe. Sein Herz klopfte, sein Blut kochte, aus dem Muster der Tapete lösten sich fratzenhafte Gesichter los, jeder Laut von der Straße drang in zehnfacher Stärke zu ihm, und jede Farbe, die er um sich sah, sang ihm ein böses Lied.