So stand er bald auf, zog sich an, ging aber nicht hinaus, sondern spielte mit Klaus Ruter und dem Förster Karten und trank sich das Fieber fort. Am anderen Morgen fühlte er sich besser.

Es regnete nun drei Tage lang, und dann gab es Plattfrost. Eines Abends, als er reichlich müde von dem weiten Wege und durch und durch kalt vom langen Passen bei Annemieken saß und sich die Füße am Torffeuer wärmte, klagte er ihr sein Leid, und als er sie dabei ansah, kam sie ihm ganz anders vor als sonst, und er fand, daß das junge Weib ein neues Gesicht und fremde Bewegungen hatte. Sah sie eben noch wie Sophiee Pohlmann aus, so schien es ihm gleich darauf, daß sie ihn mit den Augen der Gräfin anblickte; dann wieder war sie Grete, gleich darauf Swaantje und hinterher Mariee oder Luise oder eine andere, die er geküßt hatte. Außerdem war die Diele bald hoch und hell, bald niedrig und duster; eben brannte das Feuer blau, gleich darauf grün und dann gar nicht; war die Katze jetzt ganz klein, so fing sie mit einem Male an, unheimlich zu wachsen, und während es vorhin nach Schweinefutter roch, war plötzlich ein strenger Duft von weißen Lilien da. Nun fing auch noch der Kesselhaken an, ihm böse Gesichter zu schneiden, um ihn sofort durch ein freundliches Grinsen zu versöhnen, aber da begann das Zinngeschirr an der Feuerwand, ihn auszulachen, das Spinnrad machte ihm einen albernen Knix, der Tranküsel winkte ihm spöttisch zu, und die Mährenköpfe am Herdrahmen wieherten und schnaubten gewaltig.

Doch alles das ängstigte ihn kein bißchen, sondern machte ihm Vergnügen. Er trank ein Glas Grog nach dem anderen und erzählte seine tollsten Witze, bis ihm einfiel, daß er nun schon drei Tage auf Spurschnee wartete, und lachend befahl er Annemieken, ihm welchen zu besorgen. Das Mädchen, das tüchtig mitgehalten hatte und dessen Augen von dem heißen Grog und den wilden Witzen nur so blitzten, lachte und sagte: »Ich werde es Großmutter sagen, und die soll dir geben, was du haben willst; und dann werde ich dir sagen, was du mir dafür schenken sollst.«

Da ging die Großmutter zu der Herdflamme und sagte ihr den Spruch, den ihre Mutter sie gelehrt hatte, ehe daß sie starb, und die Flamme lachte und nickte und wurde gleich siebenmal so lang und leckte mit sieben Zungen am Kesselhaken entlang. Dann warf die alte Frau die Schuhe hinter sich und winkte nach der Dönze. Da kamen drei Taubenfedern angeflogen und sieben Hühnerfedern und dreizehn Entenfedern und einundzwanzig Gänsefedern und dreiunddreißig Schwanenfedern, alle so weiß wie Schnee. Sie flogen um die rote Flamme, und die spielte Kriegen mit ihnen, bis sie eine nach der anderen fing und dem Rauche gab und ihm sagte: »Zeige ihnen, wo sie hinsollen, und sage ihnen, wie sie es machen müssen, und dann komme wieder und bring mir Bescheid.«

Der Rauch aber machte einen Knix, und dann wurde er wieder ganz lang und immer länger, bis er zum Dachloche hinausfuhr, und die siebenundsiebzig schlohweißen Federn nahm er mit. Nach einer Weile war er wieder da, warf sich vor der Flamme hin und sprach: »Ich habe alles getreulich ausgerichtet.« Und die Flamme erwiderte: »Denn so wollen wir schlafen gehen.« Und da lachte Annemieke und sagte: »Und wir auch!«

In der Nacht hatte Helmold einen blitzblanken Traum. Er sah Frau Holle auf der blauen Sternenwiese stehen und die Betten sonnen, in denen die erdenmüden Seelen ausschlafen. Da kamen drei Federchen angetrippelt, drei schneeweiße Taubenfederchen, stahlen sich durch das Gras und suchten so lange, bis sie an einem Bette eine Naht offen fanden, und dann kicherten sie und krochen hinein. Und es dauerte nicht lange, und sieben weiße Hühnerfedern kamen angelaufen; die machten es ebenso, und nach ihnen die dreizehn Entenfedern und hinterher die einundzwanzig Gänsefedern und die dreiunddreißig Schwanenfedern kamen auch an und krochen in das Bett.

»Was ist denn das?« sagte Frau Holle und stemmte die Hände in die Hüften, daß das weiße Fleisch ihrer Arme so reizende Falten in der Ellenbeuge schlug, daß gleich zwei Schmetterlinge kamen und sich dort niederließen. »Was ist denn das?« sagte Frau Holle, und ihr Kleid hüpfte vor der Brust, daß unten auf der Erde das Meer ganz still wurde, weil es solche Wellen nicht schlagen konnte. »Was ist denn das?« fragte Frau Holle und ihre Brauen wurden ganz schwarz, so sehr zog sie sie zusammen, und die Wetterwolken auf der Erde krochen vor Angst in die tiefsten Wälder. Aber dann lachte die schöne Frau, und der Sturm hörte sofort auf zu schimpfen, und der Donner fluchte nicht mehr hinter den Bergen. »Ahlmanns Mutter, Ahlmanns Mutter!« lachte die Hunderttausendschöne, »was machst du mir für Geschichten!« Und dann nahm sie ihr blitzblankes Messerchen und ritzeratz war die ganze Naht auf und holterdipolter flogen die weißen Federn von der blauen Wiese nach der grauen Erde.

»Hat dich was geträumt über Nacht, lieber Jägersmann?« fragte Annemieken. Sie stand vor dem Spiegel und machte sich ihr Haar. »Und was hat dich geträumt?« fragte sie und lachte Helmold mit ihrem Spiegelbilde an; das hatte dunkle Augen und schwarzes Haar und ein weißes Gesicht, und Helmold wußte es ganz genau, Annemiekens Backen waren rot wie Rosen, ihre Augen blau wie Bachblumen und ihr Haar sah aus, wie Haferstroh in der Sonne. Aber er schlief noch in sich, und da ging sie hinaus, und als sie wieder hineinkam, warf sie ihm eine Grabse voll Schnee auf den Mund, lachte und sagte: »Da hast du, was du haben wolltest. Und nun komm und iß; die Suppe schreit schon nach dem Löffel!«

Als er wegging, nahm sie die Katze auf, daß die ihm nicht über den Weg laufen sollte, und sie spuckte ihm in die Hacken und warf ihm ihren Schuh in den Rücken und wünschte ihm Pech den ganzen Tag und Hals- und Beinbruch, soviel es gibt, und lauter schlechten Anblick, und zwischen jedem, was sie tat und sagte, warf sie dreimal die Türe zu, und schließlich lief sie hinter ihm her, weinte zwei bittere Tränen über ihren süßen Mund und sagte: »Auf Wiedersehn, Nimmerwiedersehn, mein Jägersmann!«

Drei Vögel sah er, als er durch die Feldmark ging. Das erste war ein Stieglitz; sein Scheitel war rot wie Blut. Das zweite war ein Dompfaff; seine Brust war rot wie Blut. Das dritte war ein Kreuzschnabel; der war von oben bis unten so rot wie Blut. Und als er in den Wald hineinkam, sah er im Schnee eine Fährte; in der war rotes Blut. Alle sieben Schritte stand sie wieder im Schnee, rot von Blut. Und er sagte: »Du edeles Wild, adelig Getier, kein anderes Wild, gemeines Tier will ich jagen noch fangen, ehe daß du nicht mein bist.« Da kam der Häher und sagte: »Nein!« Da kam der Bussard und sagte: »Niemals!« Da kam die Krähe und sagte: »Nimmermehr!«