Er wurde traurig und sah, der Schnee war schwarz und die Tannen waren weiß, sein Herz wurde kalt und sein Gesicht wurde heiß, das Blut blieb ihm stehen und der Atem flog vor ihm weg, bis er die Wundfährte wieder fand; da wurden die Tannen schwarz und der Schnee weiß, sein Herz ward warm, und sein Gesicht wurde kalt, sein Blut fing an zu gehen und sein Atem beruhigte sich, und er lachte und sagte: »Du edeles Wild, adelig Getier, mein wirst du sein, ehe daß die Sonne schlafen geht, ehe der Fuchs auf Raub auszieht und die Eule umfliegt!« »Nein!« sagte der Häher, »niemals!« der Bussard, »nimmermehr!« die Krähe; aber er lachte sie alle drei aus.

Und er ging und ging und ging den ganzen Tag. Er kam an den Teich, in dem die schöne Rosemariee sich ertränkt hatte, und nach dem Stein, wo der Förster erschossen wurde, und zu dem Kreuz, das da steht, wo die Nonne ermordet war, und er ging über die Haide und an dem Moore vorbei und durch den Wald, ließ den Morgen hinter sich liegen und den Mittag und den Abend, und alle seine Fußstapfen waren gefüllt, erst mit grüner Hoffnung, dann mit schwarzer Trauer und zuletzt mit grauer Angst. Seine Füße wollten ausruhen, seine Augen wollten schlafen gehen, sein Herz sprach: »Ich kann nicht mehr!« Er aber hörte nicht auf sie und ging weiter, immer dem roten Blute nach.

»Ich will dir helfen!« sprach der Schnee und machte die Nacht heller, und der Mond kam auch und alle Sterne, die es gibt, und sie gingen rechts und links neben ihm, daß er die Fährte finden konnte. Er fiel hin und stand wieder auf, er setzte sich und ging weiter, er bückte sich über die Quelle und richtete sich empor, und blieb immer wieder stehen und redete seinen Füßen zu und seinen Augen und seinem Herzen und sagte: »Nur noch bis zum nächsten Blutsfleck, bitte nur noch dieses einzige Mal; dann sollt ihr auch schlafen, solange ihr wollt.« Aber wenn er da war und stehenblieb und um sich sah und horchte, ob er sein Edelwild nicht sah oder hörte, dann war nur der Wald da und der Himmel und der Mond, und der nickte ihm zu und sagte: »Immer weiter, immer weiter!«

Da kam er in einen dunkelen Wald, und die Finsternis sprach zu ihm: »Siehe!« Da sah er, wie der Wind über den Berg gelaufen kam; in seinen Händen trug er zwölf Glockenschläge. Dann trat die Stille vor ihn hin und sprach: »Horch!« Da hörte er die Nacht über den Wald springen; in ihrem Mantel trug sie ein Weinen, das war ganz fern und doch so nah, war sehr leise und doch so laut, und so bitter war es und so süß. Seine Füße starben vor Angst, sein Herz fiel tot um, und seine Augen brachen. Aber als der Wind den letzten Glockenschlag vor ihn hingelegt hatte, gab ihm der Tod sein Leben wieder in die Hände; die waren so kalt wie Eis. Und kalt wie Eis war er ganz und gar und konnte nicht fühlen und nicht denken und stand da wie ein toter Baum, wie ein lebloser Fels, wie eine abgestorbene Blume.

Doch der Sturm ermunterte ihn wieder; er hielt das Weinen über ihn, und daraus flossen Tränen auf ihn und weckten ihn auf, bis das Eis von seinen Augen schmolz, und seine Füße lebten wieder, und sein Herz stand auf, und da sah er, daß die rote Fährte im Schnee dort zu Ende war, wo er stand, und daß es zwei nackte Fußspuren waren, über und über rot von Blut. Seine Füße zitterten, sein Herz fing an zu bluten, und seine Augen weinten bitterlich, bis daß die beiden Fußspuren weißgewaschen waren. Das Alter lehnte sich gegen seinen Rücken, Falten krochen in sein Angesicht hinein, in sein Haar aber fiel der Schnee.

Das Weinen über seinem Haupte wurde zu einem Lächeln und stellte sich über die weiße Fährte im Schnee und winkte seinen Augen zu. Und als sie ihm folgten, kamen ihnen zwei andere Augen entgegen und gingen wieder zurück und blieben vor ihm stehen, weit genug von seinen Händen. Sie sahen ihn an und weinten Tränen, die fielen als Blut in die Fußspuren und füllten sie wieder bis zum Rande, und das Lächeln schlug die Hände vor das Gesicht und weinte leise, und das Weinen sah ihn mit Augen an, die voller Furcht waren und leer von Hoffnung, aber beladen mit Verzweiflung.

Seine Seele zitterte und schrie: »Was soll ich tun, ihr beiden Augen, beladen mit Angst, gefüllt mit Trauer, beschwert mit Grauen, daß ihr wieder lächeln könnt? Und du Weinen, bitterliches Weinen, sage mir, was beginne ich, daß du nicht mehr im Sturm umherirren mußt und in Frost und Kälte und einsamer Nacht? Und du Lächeln, banges Lächeln, sprich, was muß werden, damit du dich nicht mehr zu bergen brauchst hinter den Dornen und in den Disteln und unter den Nesseln? Und du, nackte Seele, was ist es, das dir wieder Ruhe gibt, auf daß du nicht mehr mit bloßen Füßen wandern mußt über Berg und Tal und Stock und Stein und Feld und Flur, blutend aus sieben Wunden, kalt bis in das Herz und müde bis auf den Tod?«

Da trat die Finsternis hinter ihn, die Einsamkeit winkte der Stille zu und die legte dem Sturme Schweigen auf. Der Mond ging zur Seite und nahm die Sterne alle mit; dunkel wurde es rund umher. Aber die Dunkelheit war klar, so daß er die rote Fährte im Schnee sehen konnte und die beiden Augen über ihr und einen blassen Mund und zwei Hände vor einer bangen Brust; die waren ineinander gefaltet. Eine Stimme, die war nicht hier noch da, nicht von gestern und nicht von heute, nicht leise und nicht laut, kam langsam aus den blassen Lippen zu ihm gegangen, stellte sich vor ihn hin und sprach:

»Du, von dem ich nicht weiß, wer du bist, den ich niemals gesehen habe, und der immer vor meinen Augen steht, vor dem ich vor Angst vergehe und vor Sehnsucht nach ihm sterbe, du, o du und du, was habe ich dir getan, daß du mich jagst barfuß und barhaupt und bloß durch Nacht und Schnee und Frost und durch Dunkelheit und Einsamkeit und diese Totenstille? Siehe, meine Augen bluten, meine Füße sind wund, mein Leib ist vor Kälte erstarrt. Mein Lächeln habe ich im Schnee verloren, meine Ruhe rissen mir die Dornen vom Leibe, der Sturm trägt mein Weinen vor mir her. Ich bitte dich, bitte dich so sehr, bitte dich um alles in der Welt, höre auf, mich mit Furcht zu schlagen, mich mit Angst zu peitschen, mich mit Jammer zu geißeln, da ich dir doch nichts zuleide tat.«

Seine Seele stöhnte auf; sie fiel auf die Knie, streckte die Arme aus, schluchzte auf und schrie: »So sage mir, arme Seele, gehetztes Herz, müder Geist, sprich, was soll ich tun, daß du dein Lächeln wieder findest, die Angst aus deinen Augen verlierst und dem Sturme dein Weinen aus den Händen nimmst? Was ich dir antat, ich weiß es nicht; aber ich will es wieder gut machen; büßen will ich es, wie du es mir sagst, mit Not und Tod oder einem Leben ohne Abend- und Morgenrot. Das schwöre ich dir bei den sieben Sünden, die bei mir stehen, drei zu meiner Rechten, drei zu meiner Linken und der einen, die über mir ist. Ich gelobe es dir bei allen Lüsten, die mich locken, und bei allen Süchten, die mich schrecken. Siebenmal schwöre ich es dir.«