Die Sektflasche
Als die alte Kastenuhr auf dem Vorplatze zwölf Male geschlagen hatte, kam etwas über die Straße getaumelt, wankte bald auf dem Fahrdamm, bald auf dem Bürgersteige umher, rannte fast den Laternenpfahl um, der vor Helmold Hagenrieders Hause stand, schob sich an der Mauer entlang, kehrte nach einer Weile um, sah nach den Hausnummern und Namenschildern, fand sich wieder zu dem Hause mit der Laterne vor der Türe hin, tippte sich vor den Kopf, murmelte etwas, langte in die Tasche, suchte mühsam darin umher, brachte einen Schlüssel zum Vorschein, besah ihn genau, steckte ihn wieder ein, fand endlich den richtigen, schloß die Haustür auf und trat ein.
Die Hunde im Gange knurrten, als es bei ihnen vorüberschlich, aber wach wurden sie nicht. So konnte es mit dem Drücker, den es aus der Tasche nahm, die Türe des Windfanges aufmachen. Es trat ein, klinkte die Türe des Eßzimmers auf, schlug den Vorhang zum Nebenzimmer zurück, schlich sich hinein, wobei es gegen eine Truhe anlief und sich das eine seiner Beinchen so stieß, daß es zurückprallte, sich umdrehte und mit dem dicken Bäuchlein, das gleich unter dem Halse anfing, gegen den Nähtisch stieß, daß es krachte. Aber nun hatte es auch, was es wollte; denn es zog die Schieblade auf und suchte so lange in den Fächern umher, bis es ein Stück Kreide fand.
Damit malte es eine gewaltige Sektflasche auf die Flügeltür, holte ein Messer aus der Tasche, klappte den Schampagnerhaken auf, setzte ihn an den Stöpsel der Flasche, brach die Drahtverschlüsse auf, und buff flog der Kork heraus. Schäumend stieg der heitere Trank aus der Mündung, lief über, floß auf den Fußboden, quoll unter den Türen durch in die Schlafzimmer, in die Küche, in das Kinderzimmer, auf die Veranda, über den Vorplatz, tropfte die Treppenstufen hinunter, geriet in den Gang und von da in den Garten, erfüllte die Malwerkstatt, die an dessen Ende lag, kehrte wieder um, hüpfte die Treppe empor und krabbelte sogar in die Mädchenkammer. Als nun das ganze Haus nach Sekt roch, suchte der Eindringling mühsam den Pfropfen auf, quälte ihn ächzend in den Flaschenhals hinein, band ihn mit zwei Kreidestrichen, die er übereinanderbog, fest, löschte die Flasche von der Türe weg und stahl sich kichernd wieder aus dem Hause heraus.
Um sechs Uhr in der Frühe sprang die hübsche Dienstmagd trällernd die Treppe hinunter und ließ die Hunde auf die Straße, und die stellten sich ganz übermütig an. Dann erschien das Kindermädchen und summte ein fröhliches Liedchen vor sich hin. Um sieben kam die Hausfrau heiteren Angesichts aus dem oberen Stocke und hinter ihr ihr Mann, eine kecke Weise durch die Zähne flötend, und nun gab es im Kinderzimmer ein großes Lachen und Quieken. Als dann die ganze Familie am Kaffeetische saß, auf dem ein knallbunter Blumenstrauß stand, wurden die Vorhänge aufgeschlagen, und mit einem Lächeln, so freundlich wie die Sonne, die durch die offene Treppentür in die Veranda schien, trat Swaantje in ihrem weißen Kleide ein, küßte die Hausfrau und die Kinder und gab ihrem Vetter die Hand. Als der brummigen Gesichtes, aber mit lustigen Augen sagte: »Mich auch Kuß haben!« bekam er einen auf die Backe, sagte: »Ah!« strich sich den Magen, und alle lachten.
Es wurde viel gelacht bei Tische und nachher auch; denn als Swaantje hinter Helmold, der ihr seine neuen Bilder zeigen wollte, die Gartentreppe hinunterging, rief Frau Grete, die gesehen hatte, daß es über Nacht schwer getaut hatte, ihr besorgt nach: »Mach dich nicht naß!«, worauf das Mädchen sich entsetzt umsah und entrüstet ausrief: »Aber Greete!« Nun hallte der ganze Garten von Gelächter, und Swaantje nahm ihre Röcke zusammen und huschte in die Werkstatt. Dort aber vergaß sie das Lachen; sie ließ die Hände an den Hüften herabhängen, hob sie dann langsam wieder hoch, schlug sie vor der Brust ineinander, seufzte tief auf, wandte sich nach ihrem Vetter hin und flüsterte: »O, das ist ja wundervoll, lieber Helmold; das ist das Schönste, was du bisher gemalt hast«. Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände, drückte sie und sagte: »Ich danke dir viele Male, und ich bin sehr stolz auf dich!«
Der Maler betrachtete mit zugekniffenen Augen das Bild und lächelte. Es war von gewaltigem Umfange und stellte mehrere hünenhafte, unbekleidete Männer dar, die auf Tod und Leben mit bunten Tigertieren rangen. Die hell und dunkel gestreiften Körper der Riesenkatzen, die nackten Menschenleiber mit den bis auf das höchste angespannten, durch helle Lichter und dumpfe Schatten betonten Muskeln, das zertretene Gras, die wirbelnden Staubwolken, von schräg fallenden Sonnenstrahlen geteilt, das war eine Menge von scharfen Gegensätzen, die eine reife Anschauung durch einen starken Willen zu einer einheitlichen Wirkung zusammengefügt hatte.
Swaantje hatte sich in den bequemen Ledersessel gleiten lassen, stützte ihre schmalen Schuhe, über denen das weiße Kleid ein Stück der seidenen Strümpfe sehen ließ, auf eine mächtige Elchschaufel, die als Fußbank diente, und vergrub sich ganz in die Stimmung, die von dem Gemälde ausging. Helmold stand am Fenster und freute sich über den stolzen Schnitt ihres Gesichtes, über den bescheidenen Glanz, der auf ihrem aschenblonden Haare lag, über die vornehme Sprache ihres Unterarmes und fand, daß ihre Hände zu klein waren, und der unentschlossene Zug, der sich darin ausprägte, paßte schlecht zu der ganzen Erscheinung des Mädchens. Auch sah er, daß ihr Gesicht zu durchgeistigt war, und mit Betrübnis entdeckte er hinter ihren Mundwinkeln eine Falte, die er dort nicht haben wollte.
Aber da fing Swaantje zu sprechen an: »Weißt du, Helmold, was ich mir bei dem Bilde denke? Ich ginge unter den Rabenbergen her, wenn die Abendsonne darauf liegt. Dann sieht es dort genau so aus.« Ihr Vetter machte ein ganz ernstes Gesicht. Dann zeigte er auf das Bild und sagte: »Vorgestern war Frau Jucunda Othen-Othen hier, du weißt doch, die berühmte Kunstgewerblerin, um nicht zu sagen, die berüchtigte Eklektikerin, besser wohl Ekleptikerin. Sie rauschte mir hier mit ihren gräßlichen seidenen Unterröcken herum; schauderhaft, dies Seidenpapiergeraschel!, tat so, als interessiere sie sich für Kunst, wollte natürlich nur Technik schinden und Motive klauen; na, und als sie das Bild sah, steckte sie ihre Nase unter das Lorgnon, machte ihr überlegenstes Gänsegesicht und fragte: ›Was soll denn das bedeuten, Herr Hagenrieder?‹ ›Abendsonne auf der Haide, gnädige Frau,‹ sagte ich. Die Miene, die sie da aufsteckte, war zum Heulen, sage ich dir. Sie glaubte, ich wollte sie uzen. Na, das wollte ich ja auch wohl, denn sonst hätte ich ihr nicht die blanke Wahrheit gesagt. Das ist in manchen Fällen die höchste Raffiniertheit. Bismarck, der verstand sich großartig darauf.«