Bolle hob die Faust, in der er das Messer hatte, auf und ließ sie auf den Boden fallen. »Ödringen?« er zuckte die Achseln, »Ödringen, das gibt es nicht mehr. Alles ein Schutt und ein Müll!« Als der Wulfsbauer und Thedel ihn ansahen, erzählte er: »Drei Wochen lang war alles ruhig, da zogen einige wieder hin, Hingstmanns und Eickhofs und Bostelmann und Bruns auch. Die andern rieten ihnen ab, aber sie wollten ja nicht hören. Und den einen Abend, wir waren gerade dabei, das letzte Grummet einzuholen, da sahen wir über dem Dorfe einen hellichten Schein und bald darauf kam Tidke, du weißt doch, der Hütejunge bei Hingstmanns, und der erzählte, daß zwei Taternweiber einer Bande von Mordbrennern den Weg gewiesen haben, und kein einer Mensch ist lebendig geblieben.«
Er machte einen bösen Mund, lachte dann und erzählte weiter: »Tidke hatte gewacht, weil das eine Fohlen krank war, und so konnte er sich bergen. Die anderen sind meist im Schlafe umgebracht. Alle Hunde lagen tot da; die Taternweiber werden ihnen Gift hingeworfen haben.« Er schnitt von dem Brot, das er in der Hand hatte, ein Stück ab, steckte es in den Mund, stippte ein Stück Braten in die Salzdose und steckte es auch in den Mund, und als er beides auf hatte, fuhr er fort:
»Wir sind in der Nacht gleich losgeritten und haben von überall Hilfe geholt; wir waren unser achtzig und nüchtern, und die Bluthunde knapp dreißig und besoffen. Es ist keiner von ihnen am Leben geblieben. So Stücker zwanzig schossen und schlugen wir gleich tot, als sie über die Magethaide kamen und in das Düsterbrok wollten, und die anderen, es waren zehn oder elf, die fingen wir lebendig und nahmen sie in das Bruch mit.«
Er sah erst Harm und dann Thedel an, nickte mit dem Kopfe und [griente]: »Und dann hielten wir Gericht über sie ab. Tidke mußte bei jedem angeben, was damit gemacht werden sollte, weil er doch gewissermaßen darüber zu sagen hatte, denn seiner Mutter, sie war schon über siebzig, hatten sie auch den Hals abgeschnitten. Alle haben sie geschrien wie die Wilden, und gebetet und gebettelt haben sie, als es ihnen an den Schluck ging, bis auf das eine Taternfrauenzimmer, die junge, die eigentlich ganz [glatt] aussah bis auf die gelbe Haut und das schwarze Haar, denn das war ein [Beist] und schimpfte bloß, als wir sie aufhingen, und biß um sich, wie ein Fuchs, der im Eisen sitzt. Aber geholfen hat ihr das nichts, denn Tidke sagte: Die hat Bruns lüttjen Jungen mit den Kopf gegen den [Dössel] geschlagen! Erst sollte sie bloß nackigt ausgezogen werden und durchgepeitscht, aber als wir das hörten, hingen wir sie zu alleroberst an die Eiche!«
Er lachte lustig: »Wie der olle Baum aussah, sage ich dir, als die elf Galgenvögel daranhingen! Ulenvater sagte: Das ist ja ordentlich, als wenn wir ein Mastjahr haben! Und gelohnt hat es sich auch; über zweihundert Dukaten hatten die Völker bei sich.«
Als sie mit dem Frühstücke fertig waren, brach Harm mit Thedel auf. Sie ritten erst nach Ödringen. Da stand kein Haus mehr; alle Höfe waren aufgebrannt. »Ich habe es ihnen ja vorausgesagt, daß es so kommen mußte,« sagte der Bauer; »aber schrecklich ist es doch; das schöne Dorf! Komm, ich kann das nicht mit ansehen. Und alle tot, alle! Hingstmanns und Bruns und Eickhoffs und Bostelmann und Klausmutter auch. Wie oft hat sie mir nicht einen Apfel mitgegeben für Hermken, denn sie hatte da einen Baum, so schöne Äpfel hatten wir alle nicht. Es ist zum Gotterbarmen!«
Als sie vor dem Bruche waren, hielten sie, und Thedel mußte blasen. Es dauerte wohl eine Viertelstunde, da kam Klaus Henneke mit einem Knecht hinter den Büschen hervor. Beide hatten scharf gemacht und hatten ein wahres Ungetüm von einem Hund bei sich. Harm rief sie mit Namen an, und da kamen sie näher, aber erst, als sie dicht bei ihnen waren, sicherten sie ihre Büchsen und riefen den Hund an.
Klaus freute sich aufrichtig, als er Harm sah. »Ich dachte all, du wärst nicht mehr am Leben! Ja, hier hat sich allerlei geändert. Unser Vater ist tot und unsere Mutter ist ihm bald nachgefolgt. Das ist kein Leben für solche alten Leute, wie wir es jetzt hier im Bruche haben; die Wölfe haben es besser. Ein paar von den Knechten sind schon ausgerückt und unter das Volk gegangen. Verdenken kann es ihnen auch keiner, denn wer will hier in Busch und [Braken] herumliegen und Rindenbrot und Wurzeln essen. An Fleisch mangelt es ja nicht, denn wir schießen und fangen so manchen Hirsch und manches wilde Schwein, aber ein Leben ist das nicht, so wie das jetzt ist. Man kommt auf ganz dummerhaftige Gedanken dabei. Mertensvater hat sich all' aufgehängt!«
Dem Wulfsbauer, dem das wilde Leben im Lande das Herz verhärtet hatte, zog sich dennoch die Brust zusammen, als er nach dem Peerhobsberge kam. »Du lieber Gott im Himmel, wie sehen die Leute aus!« dachte er; »und wohnen tun sie schlechter als das Vieh!« Aus Fuhren und [Plaggen] hatten sie sich notdürftig Hütten gebaut und sie mit [Reet] und [Risch] bedeckt; auf Haidstreu und Torfmoos schliefen sie und ihr Eßgeschirr war aus [Ellern]holz. Die Frauen waren alle blaß und elend, keins von den Kindern hatte rote Backen und dicke Beine, und die Männer hatten Augen, so falsch wie die [Buschkater].
Aber sie freuten sich doch alle, als sie die beiden ankommen sahen, denn es war doch wieder einmal eine Abwechslung in dem elenden Leben. Die großen Bauern, die Thedel bislang bloß von der Seite angesehen hatten, konnten ihn nicht genug ausfragen. Doch der Knecht, der in seinem ledernen Wams und den hohen Krempstiefeln wie ein Kriegsmann aussah, gab nicht viel von sich. »Ja, was ist da viel zu erzählen? Wir haben so viel Elend gesehen, daß es nicht zu sagen ist. Stellenweise müssen sie Wachen vor die Kirchhöfe stellen, damit das verhungerte Volk nicht die Toten auffrißt. Vor Peine haben wir gesehen, wie ein Kerl gerädert wurde, der Kinder gestohlen hat, und die hat er dann geschlachtet und gebraten, und als wir durch Groß Goltern kamen, waren gerade die Ligisten durchgezogen, und die hatten das ganze Dorf angesteckt und Feuer an den Kirchturm gelegt, so daß dreiunddreißig Menschen, Groß und Klein, umgekommen sind. Meist schlugen wir uns auf eigene Kanne Bier durch; mitunter taten wir uns auch mit den redlichen Bauern, die in den Wäldern lagen, zusammen, und gingen gegen das Gesindel an. [Im großen Freien] haben wir in einer Stunde achtundvierzig Stück von der Welt gebracht. Aber der Hauptspaß war doch im Kalenbergischen; da waren wir unserer dreihundert und haben sie gehetzt, wie der Hund den Hasen. Das war ganz großartig, sag ich euch!«