»Tja,« sagte Schewenkasper, »tja, das war an dem Morgen nach der Nacht, tja, an demselbigten Morgen, als Duwes Wittkopp das Kalb mit den zwei Köppen kriegte. Tja, da dachte ich gleich: wenn das man nichts zu bedeuten hat, dachte ich. Tja, so war es denn auch. So bei Uhre achte, es kann aber auch schon neune gewesen sein, sagte der Bauer zu mir und Gird: wollen 'n büschen in die Haide, v'lleicht, daß wir was Neues gewahr werden. Na, wir also los! Tja, und als wir meist am Bullenbruch sind, das heißt, wir waren noch auf dem Höltkebrunnen, was meint ihr wohl, kommen da Reiter an und gleich an die vierzig Stück. Gird, sagte der Bauer da, mach, daß du nach dem Peerhobsberge kommst und laß tuten und blasen! Wir wollen sehen, daß wir Hilfe kriegen. Tja, und da kam mir ein Gedanke, wahrhaftig, und ich sagte: Wulfsbur, sagte ich, wenn wir nun in den Busch reiten, wo wir ober dem Wind sind, und ich mache wie eine Kuh oder zwei oder drei und wie ein Kalb und das Schweinegeschrei habe ich auch los, tja, das habe ich, vielleicht, daß wir sie damit vom Wege [wegzocken]. Und der Bauer war das zufrieden. Kasper, sagte er, das ist ein Gedanke! Na, wir also in den Busch, bis wir ober dem Wind sind, und da ich losgelegt. Erst so ganz sachteken: miuh, miuh, wie so 'ne [Stärke]. Und hinterher: muuh, und immer gefährlicher [gebölkt], und dazwischen nöff, nöff, nöff und wit, wit, wit, als wie ein Schwein, und ab und zu ließ ich eine Stute loslegen oder ein Füllen, tja, und was meint ihr, richtig fallen sie darauf rein, die [Döllmer], und wir zocken sie aus dem Bullenbruche nach dem Osterhohl und von da nach der Nienwohle, und von da nach dem Düsterbrook, und von da nach dem Neegenbarkenbusch, und dann hast 'e nicht gesehen, klabuster, klabuster nach Rammlingen geritten und Hilfe geholt, tja. Na, und das andere, das wißt ihr ja besser als wie ich.«
Das war nämlich auch ganz lustig. In Rammlingen waren gerade an die achtzig von den Dreihundertdreiunddreißig zusammen, und als die beiden Peerhobstler angeritten kamen und Meldung machten, schrie Schütte: »Das kommt uns gut zu passe! Und nun will ich euch was sagen: wir wollen das einmal anders machen als bislang. Das alte Ablauern hinter den Büschen ist auf die Dauer langweilig, meine ich. Wir holen uns noch Stücker zwanzig Mann und mehr dazu und dann reiten wir sie glatt über. Es muß doch mit dem Deubel zugehen, wenn wir sie nicht unter die Füße kriegen!«
Der Oberobmann hatte eine andere Meinung, aber die übrigen waren alle dafür und so ging es denn los. Sie kriegten noch unterwegs an die dreißig von ihren Leuten zusammen, so daß sie ihrer hundertundzehne waren, machten sich alle die Gesichter schwarz und ritten los. Gödeckengustel und zwei andere ritten voran. Die Schweden zogen durch das Jammertal, wo nichts war als Sand und krause Fuhren. Als sie mitten in den Haidbergen waren, fielen die Bauern von zwei Seiten über sie her. Die Jungens bliesen auf den Hörnern und klappten mit den langen Peitschen. Die Schweden hatten lauter zusammengestohlene Pferde, und die wurden verrückt, als sie das Anjuchen und das Klappen hörten, liefen einander über den Haufen und brachen nach allen Ecken aus. Und da taten die Pistolen, die Bleiknüppel und die [Barten] ihre Schuldigkeit, bis der letzte Reiter aus dem Sattel war. Aber von den Wehrwölfen hatten sieben Mann auch tüchtig etwas abgekriegt und am meisten Schütte; er hatte einen Schuß mitten durch die Brust und starb nach einer Viertelstunde. Sein letztes Wort aber war: »Kinder, war das ein Spaß!«
Mitten im Jammertale lag eine [Kuhle], da kamen die Schweden alle hinein, und seitdem hieß die Stelle das Schwedenloch. Nicht weit davon lag ein [Flatt], das nannten sie das große Hundebeißen. Im [Hornung] hatte da nämlich wieder ein Trupp Schweden gelegen, fünfzehn Köpfe stark, und die Bauern wollten gerade hin und sie aus dem Wege besorgen, da kamen Thedel und Gird angeritten und meldeten, daß von der anderen Seite ein Dutzend Kaiserliche ankamen. Da sagte der Oberobmann: »So, da soll ein Hund den anderen beißen!« Er ritt nach der Burg, zog sich wie ein Kaiserlicher an, und dann ritt er so dicht an den Schweden vorbei, daß die seine Farben erkennen konnten. Sofort waren sie hinter ihm her, aber sie verstanden sich auf das Reiten in der hohen Haide schlecht, und so zockte sie der Wulfsbauer den Kaiserlichen in den Hals und machte sich dann dünne. Die Bauern warteten, bis alles koppsüber, koppsunter ging, und dann fegten sie das [Kaff] von der [Deele].
Das gab dann jedesmal genug zu erzählen im Dorfe, und so wurde es Frühling, ehe man wußte, wie es zugegangen war. Besser wurde es da auch noch nicht mit dem Kriege, aber die Feldarbeit fing an und die Leute wußten, wozu sie auf der Welt waren, wenn sie sich auch wie die Wölfe im Bruche bergen mußten, denn einmal zogen Tag für Tag die Kriegsvölker hin und her und zweitens ging der schwarze Tod wieder um. So hielten sich die Peerhobstler für sich, um die Pest nicht in das Bruch zu schleppen. Da sie gewohnt waren, sich und ihre Häuser rein zu halten, keinen Hunger litten und mäßig lebten, so schielte die Seuche wohl nach dem Dorfe, mußte es aber zufrieden lassen.
Durch die Arbeit kamen die Leute über ihre Ängste und Sorgen am besten weg. Darum, was draußen vorging, scherten sie sich wenig. »Sind wir nun schwedisch oder sind wir kaiserlich?« fragte der Burvogt den Prediger; »ich finde da nicht mehr durch. Viekenludolf sagt, der Regent weiß auch nicht, wie er daran ist, und darum hat er sich mit den Hessen zusammengetan und geht gegen alles an, was hier nicht hergehört, ganz so, wie wir, und das ist auch das einzig wahre!«
Er war mittlerweile meist ganz grau geworden; das Hin- und Herjagen in der Haide und alles das andere hatte ihm den Kopf abgebleicht, seine Stirne kraus und seinen Mund eng gemacht. Sonst war er aber noch ganz der alte, und zwölf Stunden im Sattel zu sein, das machte ihm nicht viel aus. Bei allen wichtigen Sachen war er nun wieder das Haupt, denn Viekenludolf war zu sehr Dollhund und konnte das Abwarten nicht vertragen. Wäre Wulf nicht gewesen, so hätte der Rammlinger all lange unter der Erde gelegen, denn als ihm einmal wieder die Hand vor der Zeit an zu jucken fing, kam er zwischen vier schwedische Reiter, und die deckten ihn so zu, daß es meist aus mit ihm war; aber da kam der Peerhobstler angedonnert und schlug den Mann, der Vieken aus dem Sattel stechen wollte, das Genick ab, und einem anderen schlug er den Arm ab, und der dritte bekam eins vor die Stirn; von dem vierten aber kriegte er den Säbel mitten durch das Gesicht, ehe er ihn in die Haide schmiß. »Das ist man bloß äußerlich, altes Mädchen,« sagte er und schlug seiner Frau auf die Lende; »bind' mir 'n Lappen um und gib mir 'n Honigbrot, denn wein' ich auch nicht mehr.«
Da lachte die Bäuerin. Sie war ziemlich auseinandergegangen, aber noch viel schöner als wie als Mädchen, die blankeste Frau war sie weit und breit und die lustigste auch, und das war für den Bauern die Hauptsache, denn der hatte oft seine dusteren Zeiten. Es ging ihm wie Drewes, der jetzt den Großvater spielte, denn seine Tochter hatte schon das vierte Kind. Wenn er sich mit den Kindern abgab, konnte er noch lachen, daß man alle seine Zähne sah, aber wenn sie schliefen, dann sah er oft die vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn und Birkenbäume, vor denen tote Männer hin und her gingen wie der Pendel an der Kastenuhr. Dann ging er zum Prediger und ließ sich von dem die Gnitten vertreiben.
Mit solchen Gedanken hatte sich sein Eidam auch herumzuschlagen, aber am meisten Sorge machte ihm doch das, was vor ihm lag. Achtzehn Jahre lang hatte er nun den Wolf spielen müssen; er war noch tiefer durch Menschenblut gegangen als Drewes; aber wenn es ihm bis an den Hals gestanden hätte, er hätte sich nichts daraus gemacht, wenn es endlich ein Ende damit gehabt hätte. Aber die Haide wimmelte und krimmelte von [Takelzeug]; Schweden und Wälsche, Krabatten und Slowaken, das fraß, was der Bauer säte, und soff, was die Bäuerin melkte; das Rauben und Plündern, Sengen und Brennen, Schimpfen und Schänden, Morden und Martern, es war das Ende davon weg.
So manches Mal hatte der Bauer den Gedanken: »Hätten wir uns lieber nicht gewehrt, dann lägen wir all unter der Erde und brauchten uns nicht zu sorgen!« Sowie aber das Horn rief und die [Hillebillen] meldeten, daß fremde Hunde auf der Straße waren, langte er die Büchse hinter dem [Schapp] her, kriegte den Bleiknüppel von dem Hirschgeweih, schmiß die Beine über den Rappen, und wenn er dann wiederkam, oft erst nach Tagen, hungrig, müde, naß von Regen oder Schweiß, nach Kien, [Post] und Haide riechend wie ein Pferdehirt, dann sagte er doch, und er lachte ein bißchen dabei: »Für dieses Mal haben wir sie noch über den Berg gebracht!« Dann fiel er auf das Bett und schlief einen ganzen Tag wie ein Toter. Am anderen Tage aber wusch er sich von oben bis unten, zog frische Leibwäsche und anderes Zeug an, und dann erst spielte er mit den Kindern und nahm sein Wieschen in den Arm. Wer ihn dann zu sehen bekam, konnte es sich nicht denken, daß es derselbe Mann war, der vor zwei Tagen einem kaiserlichen Offizier, der um Gnade bat, zuschrie: »Jawoll, aber von dieser Art!« und damit schlug er ihn tot.