Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe angeflogen, die bei der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt sich auf einer der höchsten Eichen am Rande des Waldes zwischen dem Eisenbahndamm und der Rüsterburg nieder, schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut: »Arrr!«

Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im Heiligengeiststift und im Schwesternhause die ersten Lichter aufblitzen und die Sonne mit unheimlicher Behendigkeit an dem Schornstein der städtischen Bierbrauerei hinunterklettert, dann kommt von den Komposthaufen eine zweite, aber schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz, schüttelt ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem Ton: »Aerr!«

Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während der Wald zu einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem nur das rote Laub der Buchenjugenden hervorleuchtet, um die Zeit, wenn die heimlich Verlobten, die da spazieren gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann kommen von allen Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen, schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue Saatkrähen.

Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die um die Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen; einige davon sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei sogar Stadthannoveraner, da sie in der Eilenriede groß wurden, die andern stammen aus Brandenburg, Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die Ostelbier sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und Schwänzen, die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im Winter hier, wenn sie zu Hause nichts haben.

Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult herum, die eine bei der Tierärztlichen Hochschule, die andere vor dem Schlachthause, wieder andere in den Ländereien der Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten, auf den Fußballspielplätzen, bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und den Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob sie nicht einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer, einen Knochen mit noch einem Bißchen daran, eine Wurstschläue, ein Stück Brot oder dergleichen finden oder eine Maus oder einen Maulwurf übertölpeln.

Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin. »Känigsbarg« ist ihr drittes Wort. Die Schwarze, die immer gleich nach ihr kommt, stammt aus der Eilenriede; die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten Aabend, mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit gemacht de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze macht vergnügte Augen: »'n Aeöbend, das will ich maanen; ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n angeschossenen Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.«

»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben ankommt, »ach nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine Kuteste, den genn' Se mir mal zeigen. Ich hab' Se nämlich noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se. Wo liegt er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin, die die Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen: »Hulla, hulla, hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht wahr, mei Härzche?«

Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine graue Polin. Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend, Frau Schwarrzhals, gutten Abbend, Frau Dickkopf, gutten Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se sich Guttes gefunden zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch, gar nicht stinkiges, von Schaff hammliges.«

Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da süht Sei ook gerade nach ut! Man mächtig lökrig is Jue Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße Wost estohlen von 'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch drei Dage nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat hett de Kärel eßchimpet. Höhöhö!«