Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock. »Dieser Schinder«, murmelte er als er den Kopf umdrehte und sah, wie das zerrissene Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten Dünnungen hing, »eins, zwei, drei, sechs, acht, zehn, vierzehn mal hat er ihn geforkelt. Nun aber ist Schluß mein Lieber! Heute mußt du stürzen oder ich will die Kunst nicht verstehen!«
Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn auf, rodete den Aufbruch ein und hing den Bock in eine Fichte. Dann ging er in weitem Bogen nach dem Fuchsbach zurück.
Vor einer großen Samenbuche machte er sich seinen Stand zurecht, scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte jeden dürren Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend gleichmäßig gewachsener Buchenblätter, schnitt sie zurecht und legte sie vor sich auf den Rucksack. Zuletzt schnitt er leise einen langen, verästelten Zweig ab und steckte ihn vor seinem Stande in den Boden.
Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte sich. Man hörte die Ameisen krabbeln und die Flügel der großen Wasserjungfer knistern, die raubend über dem Bach hin- und herstrich. Einmal ruckste fern ein Ringeltäuber, ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine Maus raschelte im Fallaube.
Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu Ende, spannte lautlos die Büchsflinte, zog die Knie hoch und legte die Waffe quer über seinen Schoß. Dann nahm er eins von den Buchenblättern und hielt es gegen die Lippen.
Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtige verlangende Fiepen des Schmahlrehs, einmal, zweimal, dreimal.
Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett, neben ihm das Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl, spielten die Lauscher Achtzacks.
Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch einmal die lockenden Laute. Achtzack stand auf. Aber zu oft hatte er in seinem Leben die Erfahrung gemacht, daß hinter dem zärtlichen Locken das tödliche Blei wartete, so manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm vorbeigepfiffen, wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt war; mehr wie einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern hätte er sich das geliebte Ding aus der Nähe angesehen, das da fiepte, denn unbekannt klang ihm die Stimme. Aber es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es dunkel wäre, und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch und jung.
Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang der von Scham und Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens. Was, wagte es wieder einer, ihm ins Gehege zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm gehörte, was hübsch und fein war!
Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar Gänge blieb er stehen und sicherte. Aber als das Angstgeschrei lauter erscholl, als er deutlich des Nebenbuhlers Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz aus der Dickung heraus.