Des Rätsels Lösung.
Waldmann ist unter die Philosophen gegangen. Etwas Rätselhaftes ist in sein Leben getreten, etwas Mystisches, Unbegreifliches, Transzendentales.
Was mag das wohl sein, wovon morgens immer der Hof des Forsthauses eine so sonderbare Witterung hat? Die Katze ist es nicht, eine Ratte auch nicht? Also: »Was ist es?«
Es gibt mehr Dinge zwischen dem Hundehause und der Belaufsgrenze, als eine Hundenase verstehen kann. Das ist das Ergebnis der philosophischen Betrachtungen Waldmanns, ein Ergebnis, das ihm seine ganze Gemütsruhe genommen hat. Es ist ein Tier, aber ein unbekanntes Tier, das eine ganz andere Witterung hat, als Fuchs und Dachs und Has' und Reh und Hirsch und Sau, und auch eine andere, als Igel und Wühlratte und Wiesel und Eichkater.
Es kommt nachts aus dem Schweinestalle und geht in den Torfschuppen. Manchmal bleibt es drei Tage aus, aber am vierten ist es wieder dagewesen. Einmal war es eine volle Woche fort und Waldmann dachte kaum mehr daran. Dann auf einmal roch wieder der Wechsel zwischen Schweinestall und Torfhaus so stark danach, daß Waldmann wie toll hin- und herlief und winselte und kratzte und kläffte, bis der Hegemeister fragte, ob er nicht ganz klug sei.
Wenn Waldmännchen mit seinem Herrn im Revier war, vergaß er die unerklärliche Witterung, draußen gab es immer so schrecklich viel zu schnüffeln und ab und zu auch etwas zu zausen; heute einen Fuchs, der die Kugel zu kurz bekommen hatte, und dann ein geltes Tier, das Waldmann arbeiten mußte, weil Hirschmann, der sich den Vorderlauf vertreten hatte, zu Hause geblieben war. Das war ein großes Vergnügen, am Riemen auf der Rotfährte nachzuhängen, und ein noch größeres, das Stück zu Stande zu hetzen, und das größte, es an der Drossel zu schütteln, als es im Fangschusse zusammenbrach. Bei solcher hohen Arbeit vergaß Waldmann das unheimliche Wesen, das Nacht für Nacht auf dem Hofe umging.
Sobald er aber in die Nähe des Hauses kam, schoß ihm der Gedanke daran in den Sinn. Und wenn er noch so hungrig war und die Frau Hegemeisterin ihn auch noch so gut fütterte, so fuhr er doch zuerst auf den Schweinestall los, steckte seine Nase zwischen die Planken, kratzte und winselte, schnüffelte sich dann bis zum Torfschuppen hin, benahm sich da ebenso, wie beim Schweinestalle und schlich schließlich mit nachdenklich gerunzelter Stirn und hängender Rute in das Haus, und der Hegemeister lachte und meinte: »Unser Waldmann hat den Rattenkoller. Wir wollen Fallen aufstellen!« Und am anderen Morgen schlug sich Waldmann in der Waschküche zwei dicke Ratten um die Behänge, und dann schoß er wieder auf den Schweinestall los und fing an zu schnüffeln.
Eines Abends, als er auf der Sauschwarte vor dem Sessel saß, fuhr er wie wahnsinnig zur Türe, riß beinahe das Mädchen um, das mit dem Nachtmahl hereinkam, rannte in den Hof und kläffte und winselte an dem Torfschuppen herum, bis der Knecht mit der Laterne kam und ihn in den Schuppen hineinließ. Da schoß Waldmann nun hin und her, sprang an den Wänden hoch, kletterte über die Törfe, schnaufte in alle Ecken hinein, bis er von dem Torfmull einen Husten bekam, und zog schließlich, von dem Hegemeister weidlich ausgelacht, vergrämt wieder ab. Mürrisch lag er während des Abendessens auf seiner Sauschwarte, und selbst der Todesschrei der Wurst, wie der Hegemeister es nannte, wenn er der Mettwurst die Haut abriß, lockte ihn nicht an den Tisch.
»Lacht mich nur aus,« dachte er, »wer zuletzt lacht, lacht am besten! Ich habe es deutlich vernommen, daß da etwas auf dem Hofe war, und es war nicht Müschen, die Katze, und eine Ratte war es auch nicht, und es war etwas, das ich nicht kenne, das ich noch nicht gewürgt habe. Wer weiß, ob es nicht ein ganz gefährliches Tier ist, ein Tier, das die Schweine fressen will oder den Torf. Ich muß aufpassen, daß es kein Unglück gibt. Herrchen ist ja der klügste Mensch, den ich kenne, aber gegen uns ist er doch ziemlich dumm, und seine Nase ist auch nicht besser, als die anderer Menschen, sonst würde er es nicht aushalten, das Zeug zu rauchen, das ich für den Tod nicht ausstehen kann, und Apfelsinen zu essen und Bier zu trinken, Dinge, die jeder feinen Nase entsetzlich sind!«
Als der Hegemeister in das Bett wollte, sah er, daß Waldmann noch einmal nach dem Wetter sehen wollte, und er ließ ihn hinaus. Wieder ging das Hin- und Hergerenne und das Gewinsel los; und als sich der Hegemeister zu dem Hunde hinunterbückte, um zu sehen, was er an dem Torfschuppen zu kratzen habe, da sprang Waldmann an ihm empor, pfiff in den höchsten Tönen und stellte sich an, als hinge das Wohl und Wehe des ganzen Hauses davon ab, daß die Sache ihre Aufklärung erführe. Und der Hegemeister ließ ihn in den Schuppen und half ihm oben auf die Törfe; da lief Waldmann hin und her und machte einen Lärm, wie eine ganze Meute, bis schließlich ein halbes Hundert Törfe ins Rutschen kamen und mit dem Hunde dem Hegemeister um die Beine polterten. Und da hieß es denn wieder: »Nun komm, Waldmann, und rege dich nicht um die albernen Ratten auf!« Als aber mitten in der Nacht Waldmann mit fürchterlichem Gekläffe aus seinem Korbe schoß, vom Boden auf den Korbsessel und von da gegen das Fenster sprang, da wurde es seinem Herrn denn doch etwas zu bunt, Waldmann bekam einen Pantoffel an den Hals und wurde in einer Weise angeschnarcht, die ihm durchaus nicht paßte.