An Gefahren mangelt es überhaupt im Walde nicht. Vor dem Habicht ist die Eichkatze nie sicher. Mitten im fröhlichsten Hetzspiel griff er ihren letzten Liebhaber, das kohleschwarze Männchen, und strich damit ab. Zwei von den Jungen, die noch recht unbeholfen waren, fing an zwei Abenden nacheinander der Kauz. Dreimal mußte sie sich kopfüber aus ihrem Neste zu Boden werfen, als der Edelmarder sie fassen wollte, und einmal hetzte er sie am hellen Tage über eine halbe Stunde lang von Baum zu Baum, bis sie sich aus der Pappel in den Teich fallen ließ und sich zitternd im Schilfe versteckte. Aber allmählich ist sie so gewitzt geworden, daß sie die Gefahr zu meiden weiß. Gleichwohl ging es ihr ab und zu hart am Leben vorbei. Einige hundert Schritte vom Waldrande steht ein hoher Birnenbaum im Felde. Der Bauer, dem er gehört, bekommt niemals eine Birne davon, denn ehe sie reif sind, hat das Eichhörnchen eine nach der andern durchgebissen und die Kerne verzehrt. Eines Tages erwischte sie aber der Bauer dabei und schickte seinen Jungen in den Baum, während er mit dem Hunde unten wartete. Der Junge stieg ihr bis in den obersten Wipfel nach und schüttelte diesen so lange, bis sie im Bogen in den Klee flog. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte der Hund sie beim Wickel gehabt, aber im letzten Augenblicke schlüpfte sie in das enge Entwässerungsrohr und von da in den Schlehbusch und aus diesem in den Weizen und kam noch einmal glücklich in den Wald zurück. Seit der Zeit unternimmt sie ihre Streifen zum Felde immer nur in der ersten Morgenfrühe, denn die halbreifen Roggen-, Hafer- und Weizenkörner entbehrt sie nicht gern und am Waldrande finden sich auf dem Raine überall die Spreuhäufchen, die Reste ihrer Mahlzeiten.

Die liebste Zeit aber ist ihr der Herbst. Dann ist im ganzen Walde Futter für ihre Zähne da. Unter den Ahornbäumen und Hainbuchen liegen massenhaft die geflügelten Kerne, in den Eichen schimmern die Eicheln, die Haselbüsche tragen schwer und in den Kronen der Buchen reifen die fetten Nüsse. Dann wimmelt es im Walde von Eichkatzen, die von weit und breit sich hierher zusammenziehen. Überall am Boden hüpft und schlüpft es; die fuchsroten Eichhörnchen aus dem Hügellande treffen hier mit den schwarzen und braunen aus den Fichtenbeständen von den höheren Lagen des Gebirges, wo es jahrein jahraus weiter nichts gibt als Fichtensamen. Wenn sie sich dann hier im Mittelbergwalde alle ein tüchtiges Ränzlein angemästet und ihr leichtes Sommerkleid mit dem dichten, langhaarigen, graubereiften Winterpelze vertauscht haben, dann verteilen sie sich wieder und der alte Stamm hat den Wald ganz für sich.


Hasendämmerung.

Jans Mümmelmann, der alte Heidhase, lag in seinem Lager auf dem blanken Heidberg, ließ sich die Mittagssonne auf den billigen Balg scheinen und dachte nach über Leben und Tod. Sein Leben war Mühe und Angst gewesen. Aber dennoch fand er, daß sein Leben köstlich gewesen war. Auf grünen Feldern hatte sich seine Jugendzeit abgespielt; seine Jünglingsjahre hatte er im Walde verlebt; die Jahre seiner männlichen Reife verbrachte er in der Heide, nachdem ihm Feld und Wald Menschenhaß gelehrt hatten, und nur, wenn sein Herz sich nach Zärtlichkeiten sehnte, verließ er die Öde.

Da lebte er, ein einsamer Weltweiser. Die Äsung war mager, aber es stand nicht wie beim Klee im Felde und bei der üppigen Wiese im Walde, die Angst bleichwangig und schlotterbeinig immer neben ihm; in Ruhe und Frieden konnte er da leben, sorglos im feinen Flugsande des Heidhügels die rheumatischen Glieder baden und dem Gesange der Heidelerchen lauschen.

Mümmelmann fand heute aber doch, daß er etwas Abwechslung in seine Nahrung bringen müsse. Keine Philosophie der Welt tröstet den Magen und keine Weltweisheit befestigte die Appetitlosigkeit. Beim Dorfe gab es jetzt schon junge Roggensaat. Auch brauner Kohl war da, ferner Apfelbaumrinde, etwas ganz Feines, und der Klee war schon hoch genug, an den Gräben wuchs allerlei winterhartes Kraut; Mümmelmann lief das Wasser hinter den gelben Zähnen zusammen.

Allerdings, so ohne Gefahr ging ein Diner beim Dorfe nicht ab. Fast immer stöberten Wasser oder Lord oder Widu oder Hektor oder ein anderer dieser scheußlichen Köter im Felde herum. Der Jagdaufseher hatte im Felde überall Tellereisen und Schwanenhälse liegen und der Jagdpächter hielt sich immer in der Nähe des Dorfes mit seinem Schießknüppel auf. Er war ein bißchen sehr dick und hatte eine trockene Leber, so daß er sich nicht gern weit vom Kruge entfernte.