Das fuchsrote Weibchen hängt unten an dem Stamme einer Buche und äugt regungslos hinter sich. Regungslos sitzen die beiden anderen auf ihren Keulen, die Vorderpfoten fast bis zu den Schnurrhaaren erhoben, die Ruten in schönem Schwunge fest an den Rücken gelegt. Sie sitzen und stieren sich an. Der Specht schilt, der Häher schimpft; sie rühren sich nicht. Eine Kohlmeise zetert; noch immer sitzen sie da. Da raschelt es hinter ihnen im Laube. Steil richten sich die beiden Männchen auf, das Weibchen macht einige Sprünge am Stamme empor, und dann jagen ihm die beiden Männchen nach, das schwarze und das rotbraune, und noch eins, ein fuchsrotes mit breitem schwarzen Rückenstrich und dunklem Schwanze, das der Spur des Weibchens gefolgt ist.
Specht und Häher und Kohlmeise und Spechtmeise und Zaunkönig schimpfen mörderlich, denn das ist ihnen denn doch ein bißchen zu viel des Lärms. Das ist ja beinahe so schlimm wie gestern, als der Nordwest im Walde herumtolpatschte. Das rasselt und prasselt und klirrt und klappert, hier fällt ein Zweig, da plumpst ein Ast, jetzt rieseln Tannennadeln und nun knistern Flechten hernieder, und bald hier, bald da schnalzt und faucht und quietscht es, jetzt wirbelt es durch die alte Fichte, nun saust es in der entwurzelten Buche, daß die drei Rehe ganz unruhig hin- und hertreten und die Dompfaffen schleunigst machen, daß sie weiter kommen, und dann fährt der Hase, der in seinem Lager unter der dichtbelaubten Jungbuche am Verdauen war, entsetzt heraus, einen Regen von Schnee um sich werfend, denn es fiel plötzlich etwas rasselnd in den Busch.
Das war die rote Eichkatze gewesen, der es nachgerade zuviel wurde mit der Anbeterei. Keinen Augenblick hatte sie Ruhe gehabt seit einer vollen Stunde. Bald war ihr das schwarze Männchen auf den Fersen, bald das braune, und wenn die beiden sich balgten, dann hatte sie es mit dem schwarzrückigen zu tun. Wurde der von dem braunen abgebissen, dann rückte ihr der schwarze auf den Leib, und so ging es in einem fort, bis es ihr zu dumm wurde und sie sich, als die drei in einem einzigen Klumpen verfilzt von der einen Seite der Fichte in den Schnee kugelten, von der anderen Seite in den Buchenbusch fallen ließ. Da sitzt sie nun, ein bißchen außer Atem, putzt sich, leckt sich und sieht den drei Männchen nach, die nach drei Richtungen hin im Walde verschwinden. Dann eilt sie in hastigen Sprüngen auf die Klippenwand zu.
Das ist ihre Hauptspeisekammer im Winter. Dort steht ein krummer Lindenbaum, der alle Jahre trägt. Vier alte Nußsträucher spreizen sich dort unter zwei sturmzerfetzten Samenfichten, und obgleich dort keine Eiche wächst, so sind in den Felsspalten immer Eicheln zu finden, die die Häher hierhin vertragen, und die alte Buche wirft jedes zweite Jahr reichlich Früchte in die Schlucht, die dort vor den Mäusen sicher sind, weil es dort immer nach Fuchs riecht. Auch ein Wildapfelbaum schiebt sich aus der Wand, am Ausgange der Schlucht stehen Vogelkirschen und an Schlehen, Weißdorn und Rosen mangelt es nicht. Ist es mit der Kost im Walde einmal schlecht bestellt, hier findet sich immer etwas für den Magen und unter der Felswand gibt es das Feinste, was der Wald zu bieten hat, dicke, würzige Trüffeln. Nicht weit davon liegt das Forsthaus, und in dem Garten wachsen Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Walnüsse. Ein bißchen lebensgefährlich ist es dort freilich, denn seitdem der Förster dahinter gekommen ist, wer ihm seine Birnen zernagt und seine Nüsse fortschleppt, paßt er sehr auf, doch vor Tau und Tag lebt es sich da herrlich.
Das wissen alle Eichhörnchen am Berge und darum finden sie dort immer Gesellschaft, und kaum ist das rote Weibchen dort angelangt, so ist auch schon ein braunrotes Männchen bei ihm, das ihm eifrig den Hof macht. Anfangs ziert sich das Weibchen und es gibt eine kleine Hetzjagd durch Busch und Kraut, über Stock und Stein, aber es ist noch müde von vorhin und da das Männchen mit seinen Liebenswürdigkeiten nicht abläßt, wird es quer über die Nase gekratzt und tüchtig in die Lippe gebissen und zieht schließlich ab. Während der warmen Mittagsstunden turnt das Weibchen dann bedächtig an der Wand herum und sucht im Laube nach Eicheln und Buchnüssen. Nachmittags aber, als die Sonne hinter Wolken verschwindet, sucht es sein nächstes Nest in der gegabelten Fichte auf, einen weichen, warmen Kobel, den es stets bezieht, wenn es der Abend hier bei den Klippen überrascht.
Die Tage kommen, die Tage gehen. Weiches Wetter tritt ein, und die Eichkatze ist den ganzen Tag in Bewegung. So manchen Käfer scharrt sie aus dem Laube und findet Raupen und Puppen unter dem Moose. Als sie dann noch die Fütterung entdeckt, wo der Förster den Rehen Eicheln schüttet, da geht es ihr besser, als bisher, und ohne sich um die Rehe zu kümmern, holt sie sich Tag für Tag ihr Teil, schleppt auch manche Eichel beiseite und stopft sie unter das Moos oder verbirgt sie in Fels- und Baumritzen. Fällt kalter Regen aus den Wolken oder bläst eine rauhe Luft, dann verschläft sie einen Tag oder auch zwei, und ist das Wetter heiter, dann läßt sie sich auch wohl wieder zu lustiger Balgerei und fröhlicher Hetz mit irgend einem netten Männchen herbei, das ihr in den Weg läuft.
Schließlich hörte diese Spielerei auf. Die Männchen laufen ihm nicht mehr nach und das Weibchen hat andere Sachen im Kopfe. In einer ganz langen, hochschäftigen Buche baut es ein ganz großes, festes, dickwandiges Nest. Es gibt sich viele Mühe damit. Fortwährend schleppt es Moosbüschel, welkes Gras, dürre Würzelchen und trockenes Laub herbei, filzt Schicht auf Schicht mit den Vorderpfoten zusammen, dreht sich so lange darin herum, bis die Höhlung glatt und eben ist, setzt ein dichtes Dach darauf, stopft jede Ritze zu, in die der Wind hineinschnauben könnte, und läßt nur im Osten ein Schlupfloch, das aber leicht verschlossen werden kann, wenn der Wind von der Morgenseite weht.
Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen. Die rote Eichkatze ist jetzt nicht mehr so oft zu sehen. Ganz früh am Morgen sucht sie nach Nahrung und in der Abenddämmerung, und gierig fällt sie über alles her, was sie vorfindet. Jeder Käfer ist ihr recht, jeder Schmetterling wird mitgenommen. Die Morchel im Laube verschwindet unter den schnellen Zähnen und die Blütenknospen des Ahorns werden ebensowenig verschmäht, wie die keimende Eiche und die treibende Buchecker. Magerer noch als der Winter ist die Frühlingszeit und die Eichkatze hat vierfachen Hunger, denn in ihrem Neste im Buchenwipfel liegen sechs junge Eichkätzchen, und deren sechs Mäulchen müssen gestillt sein. Da heißt es denn: fressen, was zu fressen ist, damit die Kleinen satt Milch bekommen.
Je größer sie werden, um so gieriger sind sie, und mit der Kost wird es nur langsam besser. Maikäfer sind noch nicht da und die Raupen sind noch gar zu klein. Eicheln und Bucheckern gibt es nicht mehr und die Knospen sind alle aufgesprungen. Die schlimmste Zeit im Jahre ist es für die Eichkatze, wenn die Buche ihr Blatt entfaltet. Hunger, Hunger, immer Hunger, und so dürftige Kost! Bei der Käfer- und Raupenjagd stößt sie auf ein Drosselnest. Die blauen Kugeln sehen so blank aus, wie reife Eicheln. Am Ende schmecken sie auch so. Das, was herausquillt, ist ein bißchen naß, aber schmeckt nicht schlecht, und es stillt den Hunger. Da ist schon wieder ein Nest. Eier sind nicht darin, nur nackte Vögel. Sie piepen erbärmlich, und die Alte flattert wild und schimpft und zetert, aber es ist doch besser, als Baumrinde oder junge Sprossen und die Hauptsache ist, es sättigt mehr, als das sechsbeinige Grabbelzeug, das im Moose und Grase herumwimmelt.
Endlich burren die ersten Maikäfer, die Raupen nehmen zu an Länge und Dicke und die Grashüpfer werden immer fetter. Nun läßt es sich allmählich schon leben im Walde. Außerdem liegt an der Waldstraße ein eingegattertes Stück Land, in dem sind Löcher und darin stecken Eicheln, die zwar schon stark keimen, aber noch ganz leidlich sind. Wie die sechs Jungen die Milchzähne verloren haben und auf eigene Gefahr ihre Nahrung suchen, da gibt es schon allerlei bessere Sachen. Hier und da findet sich ein leckerer Erdpilz, die Nüsse haben kleine milchige Kerne, es wimmelt von Raupen, Puppen und Heuhüpfern und die Roggenähren lohnen schon eine Fahrt zu den Feldern am Waldrande; von den tiefherabhängenden Hainbuchenzweigen aus lassen sich die Ähren leicht pflücken und aushülsen. Das herrlichste aber, was der Wald in dieser Zeit zu bieten hat, das ist der säuerliche, schäumende Saft, der aus den alten Eichen quillt. Jeden Tag um die elfte Stunde findet sich die Eichkatze dort ein, jagt die Schmeißfliegen und Hornissen fort, die sich dort laben, und leckt den gärenden Saft ab, bis ihr ganz sonderbar im Kopfe wird und sie anfängt, wie unklug hin und her zu springen, zu schnalzen und mit dem Schwanze zu schnellen, als wäre es Vorfrühling. Alle Vorsicht und Aufmerksamkeit vergißt sie über ihrem Rausch und wenn sie sich nicht im letzten Augenblicke in das Gebüsch gestürzt hätte, so wäre sie in den Fängen des Habichts geblieben, der wie ein Schatten durch das Geäst fuhr.