Es ist noch ganz grau im hohen Holze. Und ganz still ist es. Der Nordost, der drei Tage und drei Nächte tobte, hat sich gelegt. Dem scharfen Nordwest hat weiche Südwestluft Platz gemacht. Das gefällt den Rehen, die langsamer als in den drei letzten Tagen den Dickungen am Hange zuwechseln, ab und zu im Schnee nach Obermast plätzend, und dem Kauz sagt die laue Luft gleichfalls zu; so laut, als wäre es im April, jauchzt er auf und dann streicht er lautlosen Fluges zwischen den dunkelen Stämmen der Buchen einher.

In der dicken, schwarzen Kugel, die in der höchsten Zwille der langschäftigen Buche schwebt, knistert es leise. Ein halblautes Schnalzen ertönt von da. Der Fuchs, der leise den Holzweg hinaufschnürt, verhofft und lauscht empor, aber mißmutig trabt er weiter. Das ist nichts für ihn. Es hat zwar Haare und keine Federn, es hält sich zuzeiten auch auf dem Boden auf, aber wenn man denkt, man hat es, macht es einen Riesensprung und rasselt den nächsten Baum in die Höhe, wippt mit dem Schwanz und schimpft: »Kwutt kwutt kwuttkwutt,« so wie das da oben.

Bei der schwarzen Kugel hoch oben in der Buchenzwille raschelt es stärker. Die Eichkatze hat ihr Nest verlassen und putzt sich. Ab und zu hebt sie den Kopf und schnuppert in den Wind hinein. Das Wetter gefällt ihr. Ein bißchen zu dunkel ist es zwar noch, aber da unten über den schwarzen Hügeln wird der Himmel schon rot. Und der Hunger ist groß. Drei Tage und drei Nächte vom eigenen Fette zu leben, das hält nicht vor. Wer weiß, wie lange das gute Wetter anhält? Dem Februar ist nicht zu trauen. Morgen regnet es vielleicht schon wieder Schlackschnee und dann heißt es abermals: schlafen und hungern.

Die Eichkatze rückt auf dem Aste hin und her, schnuppert an der Rinde, knappert ein paar dünne Knospen ab, und ist mit einem jähen Satze in der nächsten Krone. Dünn sind die Zweige und brüchig vom Frost, aber ehe sie dazu kommen, abzubrechen, sind sie die Last schon wieder los, federn rasselnd empor und die Eichkatze rennt schon über einen Zweig in dem folgenden Baume, wirft sich in den vierten, schlüpft einen dünnen Ast entlang, daß er sich tief biegt und sie in den fünften Baum befördert, und dann noch ein Sprung und noch einer und sie fällt in den Wipfel der alten Samenfichte.

Hastig geht es einen langen Ast hinunter, fast bis in die Spitze. Schwer beladen war er im Herbste mit langen Zapfen, wenige hängen nur noch daran. Einen nach dem anderen holte sich das Eichkätzchen und half sich mit der mageren Kost über manchen strengen Wintertag. Der ganze Boden unter der Fichte ist besät mit den rostroten Schuppen, überall ragen die Zapfenquirle aus der Schneedecke hervor und auf den halbverschneiten Felsbrocken liegen in ganzen Haufen die Überreste der kärglichen Mahlzeiten. Und zwischen dem Geröll liegen auch allerlei Knochen, die die Eichkatze auf den Frühstücksplätzen der Holzhauer fand und hierhin schleppte, um die Fleischrestchen abzunagen und die knorpligen Enden, und wenn gar nichts Eßbares mehr daran saß, so nagte es doch jeden Tag aus Langeweile daran herum.

Der Rehbock, der in Wipfelhöhe der Fichte am Hange hinzieht, macht eine jähe Flucht und zieht laut schreckend ab, denn vor ihm rauscht und rasselt es ganz gefährlich. Die Eichkatze hat einen Zapfen losgebissen, hält ihn im Maule und klettert mit ihm kopfüber den Stamm hinab, ganz eilig, aber ab und an innehaltend und nach allen Seiten spähend. Dann ein Sprung und sie sitzt auf ihrem Felsblocke, hoch aufgerichtet, zur Flucht bereit, falls etwas Verdächtiges nahen sollte. Aber es kommt nichts Arges. Da hinten ziehen die Rehe durch den rotlaubigen Buchenaufschlag, ein Hase hoppelt langsam bergan, ein Zaunkönig schrillt im Geklüft. Schnell dreht die Eichkatze den Zapfen mit den Vorderfüßen um, die gelben Nagezähne fassen die Schuppen, beißen sie durch, und hastig nehmen die Lippen ein Samenkorn nach dem anderen fort. Eben war das Ding noch ein glatter, schöner Tannenzapfen, jetzt liegt nur noch der Kern hier und rund herum bedecken die Schuppen den grauen Stein.

Es ist ganz hell im Holze geworden. Die grauen Stämme schimmern silbern, die Schneedecke des Bodens leuchtet goldig. Zwitschernd und pfeifend lärmt ein Flug Zeisige über den Wald hin, der Häher kreischt, ein Bussard klagt. Die Eichkatze hüpft rastlos unter den Fichten umher, kratzt hier, scharrt da, schnüffelt dort, macht alle Augenblicke ein Männchen, heftig mit den langpinseligen Ohren zuckend und die Rute schnellend, dann ganz regungslos verharrend, und schließlich wieder hastig über den Boden schlüpfend, jetzt einen Zweig der Knospen beraubend, dann eine Buchennuß zerknappernd, und nun einen weißfaulen Ast zerfasernd, in dem die Puppen von Käfern stecken.

Dann auf einmal rennt sie wie gehetzt zu Tale, ohne auch nur einmal Halt zu machen, ohne rechts und links zu äugen, und erst am Rande des Holzes hält sie ein. Da recken einige dicke Eichen ihr graues Astwerk über dichtem Buschwerk von Schlehe, Weißdorn und Wildrose. Ohne sich zu besinnen, fährt das rote Tier in das hohe gelbe Gras, springt hierhin, hüpft dahin, kratzt den Schnee fort, scharrt das Laub auf, zernagt gierig eine Eichel, verspeist eilig eine Mehlbeere, schält den Schlehenstein aus seiner Hülle und knackt ihn auf, schärft die Zähne an einer Abwurfstange vom Rehbock, wie so manches Mal schon, tut sich an drei Pflaumenkernen gütlich, die im Herbste der Jäger von dem Hochsitze warf, findet noch eine dicke Brotrinde, einen Apfelkropf mit vielen leckeren Kernen und zuletzt noch zwei Schweinsrippen mit schönen mürben Knorpelenden.

Nun, da der Magen ruhig ist, findet die Eichkatze, daß es ganz allein ein langweiliges Leben im Walde sei. Die Sonne scheint so schön warm, da gelüstet es sie nach einem kleinen Spiele kopfüber, kopfunter, stammauf, stammab. Den ganzen Winter hat sie solche Anwandlungen nicht gehabt; sie war froh gewesen, wenn ihr keiner von ihrer Sippe in den Weg kam, denn ob rot oder grau, braun oder schwarz, Weibchen oder Männchen, Hunger hatten sie alle und so ganz viel gibt es wintertags im Bergwalde nicht. Aber wenn der Februar auf die Neige geht, dann sehnt man sich doch nach Gesellschaft und ist froh, wenn man auf eine frische Fährte stößt, in der Sonne eine rote Lunte leuchten sieht oder auf dem Geäst das bekannte Gerassel und das liebe Schnalzen und Fauchen hört. Und so, ganz Ungeduld und Sehnsucht, hopst das Eichhörnchen an der Holzkante entlang, bäumt zur Abwechslung einmal auf, holzt eine Weile weiter, geht wieder zu Boden und fährt dort erschreckt zusammen.

Denn von der anderen Seite kommt auch etwas den Pürschsteig entlang in schnellen, hastigen Sprüngen. Und jetzt macht es auch Halt. Steif sitzt es da, ein kohleschwarzes Männchen mit schneeweißer Brust. Prächtig sieht es aus; die grauen Spitzen der Haare geben dem Balge einen blauen Schein. Steif sitzen die beiden Eichkatzen sich gegenüber. Ab und an zuckt eines mit dem Schwanz. Dann schimmert es hier kupferrot in der Sonne und dort stahlblau. Jetzt macht das schwarze Männchen einen Satz und sofort schnalzt das rote Weibchen und wendet um. Über den hellen Schnee und das rote Laub geht die Jagd, in einem Fichtenhorste verschwindet das Weibchen und fährt wieder heraus, und hinterher saust der schwarze Verfolger, folgt ihr in die Bachschlucht, rasselt über das Lufteis, flitzt über die Felsblöcke, hopst die Klippe hinab und prallt auf eine dritte Eichkatze, eine große, braunrote, deren Balg ganz grau bereift ist.