Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen ist es, wie er nicht schöner sein kann. Aber weit und breit meldet kein Hirsch, höchstens röhrt hier und da ein Schneider. Die Platzhirsche sind verschwiegen. Der Zwölfender tat gestern abend seinen letzten Schrei: er hängt an der Wildwinde auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender, der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt hat, sitzt im Erlenbache und kühlt seine zerschundenen Seiten. Auch ihn überfiel der Mordhirsch hinterrücks. Der Zehnender aus dem Brandmoore steht im Stangenort und rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen.

Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre der Hirsch auch zu Tode geforkelt worden. Dicht vor den Rotschimmeln sauste der schwarze Satan über das Gestell, daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte das Jagen, in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch war schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in das unwegsame Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte sich eine frische Rotfährte. Sie führte zu dem kranken Zehnender. Der stand da stumpfsinnig, an eine Stange gelehnt, stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das Haupt. Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer Klumpen, die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle herausgequollen war. Ein Schrotschuß auf den Hals endete die Qualen des Gemeuchelten.

Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher hatte alles, was den grünen Rock trug, einen roten Kopf. Aller Jagdneid, jeder Grenzhaß war vergessen. Der Förster sagte es dem Bauernjäger, der städtische Jagdpächter dem Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal hatte man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er vor die Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht; bevor es hell wurde, überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl sein heiseres, häßliches Schreien, aber stets im unwegsamen Bruch oder in der verwachsenen Dickung, und erst, wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat er aus und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis in die Nacht hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind über das Bruch blies, sahen wohl schwarze Klumpen, die jäh hin- und herfuhren und im Nebel verschwanden, hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der Tag kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann stand der Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung, oder saß in der Suhle im wilden Bruche.

Keine fünfzig Schritte von dem Hochstande, auf dem der Forstmeister die Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden Zehnender zu Schanden. Der Forstmeister hörte jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen, hatte währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe, bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er hörte das Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im Risch, das Aneinanderprasseln der Geweihe, das Schnauben und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte auch, wie plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend, wie Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in der Dickung, dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen, höhnischen Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann stand die Stille wie eine Mauer rund um die Wiese.

Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese kahl, wie eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich an dem Moorbache entlang. Unausgesetzt lärmen in der Dickung die Häher. Mit steifen, kalten Gliedern steigt der Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust sich, wie er auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß. Die kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern und keifen. In der Lichtung der alten Dickung liegt der Zehnender auf der Seite, die Läufe weit von sich gestoßen. Der Lecker hängt weit aus dem Geäse, die Lichter sind gebrochen. Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in die Leber brachte ihn um.

Der Forstmeister sendet reitende Boten ab und sein Sekretär steht den halben Morgen am Fernsprecher. Der Schadhirsch muß sterben. Da alles Passen und Weidwerken nichts nützte und das Einlappen auch nicht half, soll der Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden. Abends kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es, Förster, Jagdpächter, Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen sich im Dorfe, denn der Krugwirt kann sie nicht alle beherbergen. Am andern Morgen meldet der Fernruf, daß der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten, verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren die Schützen zu dem Belauf, in dem die helle Weide liegt. Wie die Katzen, so leise, schleichen sie sich an ihre Stände, und ebenso lautlos treten die Treiber an. Der Hegemeister legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur Fährte: der einzige Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde Fährte arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an, ein jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock, der Fuchs; kein Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch, den Meuchelmörder, darf der Finger krumm gemacht werden. Eine Stunde vergeht, da taucht der rote Hund und hinter ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen auf. Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf dem Rade die Gestelle rund um das Jagen ab; der Hirsch steckt noch im Treiben.

Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch zieht in voller Deckung am Rande des Treibens entlang. Der Forstmeister läßt das Jagen noch einmal treiben und geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das hilft; endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!« Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er bis dicht vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher Flucht die Brandrute überfallen. Zwei hastige Kugeln pfiffen taub hin und her. Alle Mühe, alle Kosten waren vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das Stiftsmoor und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben hatte er wohl übel genommen. Sein trockener Schrei ward nicht mehr vernommen in dieser Gegend. Drei Jahre lang erzählten sich die Jäger die Schauermär von dem Schadhirsch, der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute Hirsche zu Schanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In den Zeitungen wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es wurde nicht bekannt, wo er geblieben war.

Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches. Das war der rote Hein, der Waldbummler und Tagedieb, der in der Kreisstadt am Tage Beeren und Pilze verkaufte und des Abends Ricken und Hasen, die er in den Wäldern gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd durch das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und nebenher nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen hatte, die Tags vorher seine beiden Jungens auf die Rehwechsel gestellt hatten. Als er so durch den verwachsenen Moorwald schlich, sein Fuchsgesicht gewohnheitsmäßig zu einer recht dummen Grimmasse verziehend, ab und zu einen Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb fallen lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen und hatte sich geduckt, wie ein Fuchs, der die Maus anspringen will. Das rote Haar auf seiner sommersprossigen Stirn zuckte hin und her und seine abstehenden Ohren bewegten sich langsam, denn da vorne ging etwas Seltsames vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch im Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise wie Hein Thomann kroch. Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte Mütze auf und zog sie tief in die Stirne, ließ die Schuhe bei dem Korbe stehen, und dann glitt er, den kurzen Totschläger fest in der Faust haltend, schnell, aber lautlos näher, jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter dem her das halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock mit dem Bleiknopfe zum Schlage. Aber dann fuhr er zurück und sein fahles Gesicht wurde weiß, denn was er da sah, das war gräßlich.

Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben hing zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer eingeklemmt ein starker Hirsch mit weißumbänderten, weit hervorgequollenen Lichtern und heraushängendem Lecker. Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen haben, denn von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden und das Geweih mit den langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen berührte mit den blutrot gefärbten Kampfsprossen fast die Erde; schrecklich aufgetrieben war der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges Zittern erschütterte ab und zu seine Decke, matt spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an ein Lauf, und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange ein hohles, trocknes, hoffnungsloses Stöhnen.

Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm die schmutzige Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand über die nasse Stirn. Er hatte nie Mitleid empfunden, fand er ein Reh in der Drahtschlinge zappeln, das brachte das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine ganze Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der Mann schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat einen kleinen Schluck, sah scheu hin und her, und schlich näher. Ein dumpfer Schlag, das Stöhnen brach; ein Blitz aus der Hand, und in gebogenem Strahl plätscherte der rote Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein Thomann verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im weichen Schmorboden, bis auf einige schöne Stücke hing das ganze Wildbret an Weidenruten in die Krone einer dichten Fichte, mit Papierfetzen gegen Marder und Krähe verblendet, und in einer anderen Fichte hing der Schädel des Mordhirsches mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen Weibe und seinen drei hungerigen Taugenichtsen von Jungens Kiepe auf Kiepe nach der Kreisstadt. Thomann ging zum Biere und hielt seine Freunde frei, seine Alte hatte ein anständiges Kleid an und seine Jungens neue Stiefel.