Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab lauerten tagtäglich auf ihn; sie lauerten vergebens. Spürte er sich drei Tage in dieser Forst, morgen war er verschwunden und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen zehn Meilen weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander stand der Jäger auf der Schneiße in der wilden Hudewohld und sah das Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret zu Blick. Als er sich schon zum Abgang rüstete, da war ihm so, als stände etwas Böses hinter ihm. Erschrocken wandte er den Kopf und sah zwei Schritte hinter sich ein furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach der Büchse, aber da schnaufte es und mit Kling und Klang und Knick und Knack stob der Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes hinein.

Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das ein Hirsch gewesen oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht gesehen über einem schwarzen Brunfthalse, schrecklich und böse. Quer um die Lichter war ein breiter, weißer Strich gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der halben Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wie viel Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das Herz ist ihm in den Hals gesprungen, Schwäche ist über seine Kniee gekommen, Eis auf seinen Rücken, Fieber über seine Stirn und Nebel vor seine Augen.

Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand tritt er in den wilden Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen, in dem anmoorigen Boden; leicht nimmt sie vier Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding; wohl zieht der Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu, wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo schon der Bock laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den Boden, so eng verfilzt sind Weiden und Ellern, Birken und Fuhren durch Risch und Post.

Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und umgeht das Bruch; nirgendswo steht die unheimliche Fährte heraus; der Hirsch steckt im Bruche. Mit halbem Winde dringt der Jäger auf einem verwachsenen Altwege in die modrige muffige, schwüle, enge Wildnis hinein, Schweiß auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am Gaumen, bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach manchem Bogen und vielen Pausen vor den großen Windbruch inmitten der Wohld tritt. Dort tritt so gern das Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die geschundenen Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet der Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus. Heute ist die Blöße blank und leer. Aus dem grünen Risch leuchten die roten Stämme und verlieren sich in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen Himmel lieb herabsehen.

An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und harrt mit halbgeschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab, er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren, Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte.

Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die blauen Augen heraus, wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel. Vernahm seine Seele mit der Erinnerung das Klatschen der Wellen, das Stampfen des Schiffsrades? Oder waren es die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es ist so still, nur Meisen zirpen fernweg und Hummeln brummen nahebei. Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit. Blau steigt der Rauch empor; träumende Augen sehen hinterdrein, besinnen sich, rufen sich selbst zur Ordnung und wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb von den Lidern bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll und groß da, stehen in einem Gesicht, in dem Hoffnung und Angst sich zanken, in dem der Mund sich öffnet, um mitzuhorchen.

Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die Erinnerung spülte vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart, es klatscht und stampft hier in der grünen Wohld. Das klatscht und quatscht und schlappt und jappt, stöhnt und dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt von neuem an, und endlich bricht es in der Dickung, steht, wie in einem Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter einem verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch einen dunklen Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan, eben der Suhle entstiegen, und äugt aus den weiß umzogenen Lichtern, über denen es blutrot in der Sonne leuchtet, den Mann an, starr, wie der böse Feind eine arme Seele. Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er sieht, daß der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht, aber ehe der Kolben an der Backe liegt, ist der Rahmen leer und mit Kling und Klang und Knick und Knack ist die Erscheinung verschwunden.

Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der eine Meile weiter vor dem Moore die Hirsche verhört, ein hartes, trockenes, heiseres Röhren, häßlich anzuhören, und hinterher einen Trenzer, niederträchtig und gemein, und einen Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein Hirsch geschrieen. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese steht, wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her dem Moorwalde zu. Der Förster hat das Glas vor den Augen und späht das silberne Gatter ab, mit dem die Birken Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit zornig in den Wald hinein; weiß springt sein Atem vor ihm her. Aus der Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter ihm her röchelt ein heiserer, höhnischer Ruf, ein trockenes, boshaftes, gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstig, höllisch. Der Platzhirsch zieht näher an den Moorrand. In dem Walde ist es still, bleibt es stumm. Rund und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort in das schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm keine Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund, wirft die Moorerde mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt damit einen Weidenbusch, schreit dem Gegner einen verächtlichen Trenzer zu und wendet sich voller Abscheu ab. Vor ihm her trollt sein Rudel.

Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches Ding, und ehe der Zwölfender wenden und dem Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist er überrannt, ist er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der schwarze Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die Hälse sind lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen. Ein blutiger Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals, noch einer vor die Brust. Es schreckt und wendet. Aber im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen Augenbinde und den roten Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf einen Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot hinein, so häßlich, so gemein, so tonlos und trocken, wie hier noch nie ein Hirsch schrie, und treibt das Rudel vor sich her in den Nebel hinein.

Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von dem Hochstand und geht zu dem geforkelten Zwölfender. Der ist im Verenden begriffen. In den weit herausgequollenen Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt das zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus. Der Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann schreitet er, den Kopf auf der Brust, heim. Der Oberförster wird Augen machen; am anderen Morgen sollte der Prinz den Zwölfender weidwerken.