Er hatte sich schnell in Sicherheit gebracht, aber abends, als die Eule schrie, war er auf Umwegen an die Schlucht herangeschnürt. Da war er auf Rehschweiß gestoßen, hatte immer mehr gefunden und hatte die Rotfährte gehalten bis an die steile Wand, war das Zickzackband der Wand hinabgeschlichen, und als er im Grunde war, da schlug ihm die volle Rehwitterung entgegen. Das war ein Fest! Eine Flucht machte der Bock noch, aber keine zweite mehr, da hatte er ihn an der Drossel, und lange Zeit zum Klagen ließ er ihm nicht. In der Nacht war er satt geworden, daß es für zwei Tage hinlangte. Aber alle Tage sind nicht so. Heute riecht es hier nur nach Schnee und Moos und Mulm.

Also weiter, die Klippen hinauf, an der Wand entlang in den Hohlweg hinein, wieder in die Klippen und wieder heraus. Aber die Höhle könnte man mitnehmen; einmal gab es dort einen angeschweißten Hasen, der sich da gesteckt hatte, ein anderes Mal einen Jungdachs, der vergeblich an den Wänden herumfuhr, als Reineke in dem Ausgang erschien, und einige Siebenschläfer wurden dort auch erbeutet, ja, einmal sogar eine Eule. Hier ist nichts da, nur Eiszapfen und Schnee. Ein paar dicke Motten finden sich schließlich noch; die werden mitgenommen. Aber die Fledermaus bleibt hängen, nichts wie Haut und Knochen, und sie riecht schlecht.

Mißmutig überlegt er, wohin er sich nun wenden solle. Da fährt er zusammen. Über ihm erschallt des Hasen Todesklage. Mit jäher Flucht nimmt er den Kopf der Klippe und will auf die folgende, von der er in das helle Holz äugen kann, da verhofft er. Hasenklage verspricht oft mehr, als sie hält. Es ist schon lange her, aber wer das einmal durchgemacht hat, der vergißt es nicht. Das war auch so ein weicher, milder Wintertag nach steifem Nordost und er hatte auch zwei Tage gehungert oder noch länger. Er war um die Mittagszeit durch das Stangenholz geschnürt. Es schneite breit und langsam und kein Lüftchen ging.

Da erscholl über ihm der jämmerliche Laut. Er kannte ihn gut. So hatte der Has geklagt, den er acht Tage vorher riß. Ein merkwürdiger Has, denn er saß mit dem Halse in einer der dünnen, langen Ranken, von denen oft Stücke an den guten Wursthäuten sind. Und da dachte Reineke, es säße wieder so ein Häslein fest, und war, ohne erst Wind zu nehmen, losgetrabt, bis vor den Baum, von woher das Klagen kam. Und da hatte sich der Baum so merkwürdig schnell bewegt, Reineke fühlte ein Stechen und Schneiden an der linken Seite, sah es blitzen, hörte es krachen und kam erst wieder recht zur Besinnung, als er in seinem Feldloche saß und sich die brennende Seite leckte. Seit der Zeit holt er sich immer erst Wind. Seher und Gehör trügen, die Nase nie.

Eine Weile windet er. Dann schleicht er vorsichtig den Hang entlang, bis er unter dem Winde ist. Und da bleibt er. Noch einmal klagt der Hase, matter, schwächer, immer gedämpfter klingt es. Der Fuchs schleicht langsam näher, immer den Kopf hoch, immer mit den Nasenflügeln heftig schnuppernd und die Seher auf jeden Stamm richtend. Dort, gerade aus, muß es sein. Aber er gewahrt auf dem Schnee kein zuckendes, zappelndes Ding. Ringsumher ist es still und stumm und es riecht nur nach Stein und Holz und Moos und Schnee.

Die Sache stimmt nicht. Reineke setzt sich auf die Keulen. Er hat ja viel Hunger, aber er hat auch viel Zeit. War es ein Has, so kriegt er ihn immer noch, und war es keiner, dann ist es um so besser. Aber jetzt läßt sich da etwas vernehmen; es war, wie wenn eine Eichkatze am Stamm kratzt. Aber dann ist wieder alles still. Jetzt hat sich da an dem Baume etwas bewegt. Reinecke windet wieder. Hier kesselt der Wind. Ganz leise und langsam schleicht der Fuchs nach rechts, alle Augenblicke verhoffend, dann wieder weiter schleichend, um abermals zu verhoffen. Auf einmal fährt er zurück, stößt ein kurzes heiseres Gebell aus, wendet jäh um und trollt, so schnell er kann, dem dichten Bestand zu, daß der Schnee stäubt.

Es war nicht Has, es war Mensch. Reineke ist sehr vorsichtig geworden. Er traut sich aus den Dickungen nicht heraus und erst, wie der Himmel alles Rot verloren hat, die Goldhähnchen schon tiefer suchen, die Zeisige in den Fichten einfallen, im hellen Holze die Eule heult und die Steinbruchsarbeiter laut singend hinter dem tanzenden Lichte den Steinweg hinabtrampeln, da bekommt er die alte Sicherheit wieder. Aber viel länger, als vorhin, holt er sich in jeder Schlucht und auf jedem Kamme erst Wind.

Es ist schon recht dunkel, da schnürt er den Holzfahrweg entlang, findet am Frühstücksplatz eine Wursthaut, an einem Stück Papier etwas Schmalz, greift am Bach eine Maus, regt sich zwischen Holz und Feld an den frischen Hasenspuren auf, prüft alle Rehfährten daraufhin, ob sich nicht Schweißwitterung an einer davon findet, scharrt auf dem Felde aus dem Mist einen faulen Hühnerkopf, würgt ein stinkendes Darmende hinein, das er aus einem anderen Misthaufen kratzt, stattet dem Fischteich einen erfolglosen Besuch ab und schleicht in der späten Dämmerung um das Gut herum, bis laute Menschenstimmen ihn verjagen.

So trabt er in großem Bogen zum Dorfe, findet am letzten Hause auf dem Dungplatz einen Ballen fettiger Schweinehaare vom Schlachtfest, die er mit Widerstreben hinunterwürgt, gedenkt traurig der Nacht, als er hier die halbwüchsige Katze erwischte, muß eilig abtrollen, weil ein kläffender Spitz in den Hof hinausfährt, stellt am Bache fest, daß die Enten und Gänse wohl da waren, aber nicht mehr dort sind, findet am Luderplatze nur blanke Pferdeknochen, am Kalkofen überhaupt nichts, bei der Mühle dasselbe, und macht auf seiner meilenlangen Fahrt durch die Feldmarken und die sieben Berge hinter ihnen die Erfahrung, daß der Has viel zu hellhörig ist und daß die Hühner verschwunden zu sein scheinen. Eine einzige Maus scharrt er mit vieler Mühe noch aus, dann ist die Nacht hin und er trollt dem Holze wieder zu, in der stillen Hoffnung, in den Schlehenbüschen noch einen Igel im Winterlager zu finden oder auf der Luzerne davor einige Mäuse zu greifen.

Der Igel aber liegt unter schützendem Schnee und Mäuse gibt es auch nicht. Als er ganz trübselig den Bach entlang schnürt, stößt er auf frische Rehwitterung. Gewohnheitsmäßig, aber ohne Hoffnung, schnürt er der Fährte zu und steckt die Nase hinein. Sofort ist er wieder munter, denn in der Fährte liegt ein Tröpfchen Schweiß. Bei dem Wurfboden einer Buche findet er wieder Schweiß in der Fährte, einen breiteren Tropfen, und je näher er an den Buchenaufschlag kommt, um so stärker werden die Schweißflecken im Schnee, um so frischer sind sie und immer heftiger weht Reinekes buschige Rute.