Ganz vorsichtig schleicht er in dem Hauptwechsel entlang, bis er in dem Buchenaufschlag ist. Da hat er auch dicht vor sich die volle Rehwitterung. Noch vorsichtiger schleicht er näher, da rauscht es auch schon über ihm, poltert es, rasselt es, stiebt es, und nun schleicht er nicht mehr, er schnürt eiliger, immer hastiger, und je schneller es vor ihm bricht und rauscht, um so flüchtiger wird er, immer unter dem Winde neben der kranken Fährte, die Nase einen halben Fuß über dem Schnee.
Das laufkranke Kitz flüchtet bergan, Reineke immer hinter ihm drein. Es schlägt einen Haken, macht einen Wiedergang, läßt den Fuchs hinter sich, aber der hält die Fährte, und als es zitternd und keuchend verhofft, weil bei jeder Flucht die Schalen durch die harte Schneekruste treten und die Läufe immer mehr schmerzen, da vernimmt es des Verfolgers lautes Hecheln schon unter sich. Es flüchtet bergauf, über faule Stöcke, zwischen Klippen hindurch, in die verschneiten Dickungen hinein, in das Stangenholz, aber Reineke ist immer dicht an ihm. Immer kürzer wird das Reh, immer länger der Fuchs. Einmal schon faßt er Haar, aber laut aufklagend reißt es sich los, bricht seitwärts aus und poltert in der vereisten Holzriese den Hang hinab.
Ihm nach trabt der Fuchs. Seine Seher glühen, lang hängt die Zunge aus den schwarzen Lefzen, fest angelegt sind die spitzen Gehöre, die Lunte flattert wie eine Fahne über seinem Rücken, Schaum spritzt rechts und links in den Schnee. Jetzt ist er bei dem Reh, es wird noch einmal hoch, flüchtet durch den verschneiten Aufschlag, aber der Fuchs ist jetzt immer Seite an Seite mit ihm und springt bei jeder dritten Flucht an ihm herauf. Jetzt faßt er an, zieht nieder, jämmerlich klingt das Angstgeschrei durch den Wald, frecher antwortet der Baß eines Altrehes, ein Schmalreh schmält, und dann ist es still.
In dem kleinen Erdfalle, neben dem breiten Steinblock unter dem sparrigen Holunderbusch schlagen des Kitzes Hinterläufe den Schnee von dem Buchenlaube. An der Kehle zerrt und reißt knurrend und keuchend der Fuchs, bis es ihm naß und heiß entgegenquillt. Da hält er inne und leckt und leckt, faßt noch einmal an, reißt noch einmal, stößt seine Nase zwischen die Lauscher, unter das Vorderblatt, in die Dünnungen, in den Spiegel des Rehes, zupft erst hinter dem Blatt, reißt heftiger, verhofft, windet und schneidet an.
Er ist nicht mehr der saubere Fuchs, dessen eisgrau bereifter Balg wie geleckt aussieht. Das Gesicht ist rot besudelt, der weiße Brustlatz ist fort. Er zieht und zerrt, reißt die Öffnung weiter und hält plötzlich inne. Sein Rückenhaar sträubt sich, heiser faucht, dumpf murrt er, und giftig keckernd fährt er einem anderen Fuchse entgegen, der seit einer Stunde der Rotfährte gefolgt ist. Wieder wird es laut im Walde, so laut, daß die Steinbrucharbeiter, die in dem Hohlweg hintereinander herstampfen, erstaunt stehen bleiben und eine Weile dem gellenden Kreischen zuhören, das sich den Berg hinaufzieht, bis es auf dem Kamme verhallt.
Der Alte vom Berge hat den Schmarotzer abgebissen. Eilig, aber immer windend und verhoffend, schnürt er zu seiner Beute zurück und füllt sich bis zum Platzen. Erst, als es ganz licht ist und die Forstarbeiter mit Axt und Säge laut werden im hohen Holze, als die Zeisige die Fichten verlassen, die Krähen über den Berg streichen, Goldfink, Häher und Zaunkönig sich melden, schiebt er mit der Nase den Schnee von allen Seiten über das Reh, es für die kommende Nacht aufhebend.
Faul und dick schnürt er den Steig entlang, bis zu dem Loche, in dem sich die Quelle sammelt. Da schlappt und schlappt er das eisige Wasser, bis sein Brand gestillt ist, rollt sich im weichen Schnee und schnürt dann den Hang hinauf bis vor seine Burg.
Die Sonne kommt rot und rund an der Flanke des Berges hoch und trifft eben noch die weiße Spitze von Reinekes Lunte, die gerade in der Spalte verschwindet, die in seinen Bau führt.
Da wird der Tag verschlafen und vielleicht die Nacht dazu, und am Ende noch einen Tag, wenn ihn der Durst nicht hinaustreibt.