Sommerboten und Sonnenkünder
Alle Vögel sind zurückgekommen, jeder Baum blüht, und die Wiesen starren von Gold; der Wald ist erfüllt von lustigen Liedern und die Luft gesättigt mit fröhlichem Gesumme; es rennt auf den Wegen und krabbelt an den Stämmen, nagt an den Blättern und bohrt im Holze, flattert über den Blumen und flirrt durch die Halme, und doch ist es, als wenn noch etwas fehle.
Da, wo das Wässerlein sich durch die Wiese schlängelt, von Schaumkraut umblüht, von Lichtnelken eingefaßt, von Hahnenfuß begleitet, fährt ein silberner Blitz über die Blumen hin, verschwindet, fährt zurück, beschreibt einen Kreis, senkt sich und steigt empor, bleibt auf dem Fruchtstern der Dotterblume hängen, wirft silberne Strahlen um sich, verlöscht, blitzt wiederum auf, zieht einen goldenen Ring um den Weidenbusch und jagt jetzt dahin, wo ein gleiches Wesen sein Spiel im Sonnenlichte treibt.
Die ersten Libellen sind es; sie fehlten dem Landschaftsbilde noch. Solange sie nicht da sind, vermißt der Mensch sie kaum, und nicht begrüßt er ihr Erscheinen wie das des ersten gelben Schmetterlings. Aber er würde den Sommer nicht so stark empfinden, wären die schlanken Wasserjungfern nicht da; ohne das Funkeln ihrer schmalen Leiber, das Schimmern ihrer knisternden Flügel wäre der Sommer nicht so schön und so lustig.
Ein Sommer ohne Libellen ist kein Sommer; mißlungen und verpfuscht ist er. Die Wasserjungfern leben nur, wenn die Sonne scheint und die Luft warm ist; dann fühlen sie ihre Kraft, zeigen sie ihre Pracht, treiben sie ihr fröhliches Spiel. Wenn aber graue Wolken am Himmel dahinfegen, der Regen strömt und ein hohler Wind heult, verschwunden sind sie dann, die Sonnentiere; matt hängen sie im Laube, kraftlos kleben sie im Grase, unfähig, die Schwingen zu rühren zum frischen Fluge.
Der Mensch ist undankbar; dem Maikäfer, der ihm als Engerling die Saaten zerstört und als Käfer die Blätter der Bäume zerfrißt, dem wandte er seine Aufmerksamkeit zu. Mit Begeisterung wird der erste, der durch den Garten fliegt, begrüßt, die Kinder jubeln, die Eltern lächeln; es ist, als ob Wunder was für ein herrliches Wesen dahinflöge, und es ist doch nur ein dicker, plumper Käfer, der dahinbrummt. Der Mensch ist dumm; seine Augen werden blank und sein Mund breit, sieht er den ersten Schmetterling fliegen; er bedenkt nicht, daß der lichte Falter einst eine düstere Raupe war, die Schaden über Schaden anrichtete.