Die Libelle aber sieht er kaum, und es fällt ihm nicht ein, sie als Sommerboten und Sonnenkünder zu grüßen. Mag ihr Leib auch in Edelerz und Karfunkelgestein gekleidet sein, mögen ihre Flügel auch schimmern, als wären sie aus Tautropfen und Sonnenschein gewebt, ist ihr Flug auch herrlicher als der der Schwalben und vornehmer als der der Falter, er denkt nicht daran, ihr mit bewundernden Augen nachzusehen, und wenn sie sich auch dicht vor ihm niedersetzt, achtlos geht er vorbei, ohne ihren seltsamen Bau zu betrachten und sich ihrer wunderbaren Farben zu freuen.

Sie sind für ihn nicht da, wie die Sonne für die Augen der Kröte und der Büchsenschuß für das Ohr der Fledermaus; sie sind zu schnell für seine Blicke, zu fein und zu leicht, als daß er, der mit den Füßen auf der Erde haftet und nichts begreift als das, was er mit Händen fassen, mit Fingern fühlen kann, Obacht auf sie geben könnte. Vom Maikäfer weiß er, daß der erst ein feister Engerling war, und von dem Schmetterling, daß er als eklige Raupe ein Kohlblatt zerfraß, und deswegen ist er ihnen dankbar und widmet ihnen seine Aufmerksamkeit. Denn man kann doch klug und weise ein langes und breites darüber reden und tiefsinnige Vergleiche von dem Wurm, so an der Erde kriecht, und aus dem doch ein lichter Falter wird, mit dem Leibe und der Seele des Menschen anstellen, und das macht sich in Vers und Prosa ausgezeichnet und ist bei allen Völkern ein beliebtes Thema aller flachen Poeten gewesen.

Wenn aber ein Tier ganz und gar Poesie ist, als ein Wesen sich darstellt, scheinbar völlig unirdischer Art, wie aus Sonnenschein und Wellenfunkel entstanden, schnell wie ein Gedanke und flüchtiger denn ein Traum, dann versagt der Mensch; er weiß nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen; er kann keine gelehrten Gespräche darüber führen, und mit ihrer Verwendung zu symbolischen Vergleichen hapert es erst recht, und so sind sie ihm halb unheimlich, halb gleichgültig, er sieht darüber hinweg, und wenn er ihnen Namen zulegt, dann sind sie dummer Art und aus Verlegenheit, Unwissenheit und Aberglauben entstanden.

Einst, als das deutsche Naturempfinden noch nicht mit asiatisch-romanischer Brühe übergossen war, als wir noch mit klaren Kinderaugen über das blühende Land sahen, da galten die schönen Tiere als Friggas, der Sommergöttin, Vorboten. Vielleicht, daß man ihnen gerade darum Ekelnamen, Übelworte gab, denn alles, was unseren Urahnen hold und heilig war, wurde durch den Kot gezerrt und in den Schlamm getreten; aus lichten Göttinnen wurden düstere Hexen, aus lieben Elfen und guten Wichtlein unholde Nachtmare und böse Kobolde, und wo einstmals eine Stätte war, wo die Weidebauern den Überirdischen für ihr Walten dankten, daraus wurde ein Platz, wo der Teufel sein Wesen trieb.

So wurden auch die lieblichen Wasserjungfern zu Teufelsbolzen und Satansnadeln umgedeutet, gleich als ginge Unheil vor ihnen her und folge Leid, wo sie fliegen. Man weiß kaum, daß sie vielerlei Geschmeiß vertilgen, das Mensch und Vieh plagt, und gibt sich nicht die Mühe, sie näher zu betrachten und an ihrer Pracht sich ebenso zu ergötzen wie an der Schönheit der Blumen und an den Farben der Falter. Wenn auch ihre Leiber glühen wie die Morgenröte oder blitzen wie die vom Abendrot beschienene Welle, wenn auf ihren Flügeln auch alle Farben spielen, die das Sonnenlicht in sich birgt, des Menschen Augen gehen so gleichgültig über die Sommerbringer und Sonnenboten hin wie über die schwarzen Schnecken auf dem Wege.

Die grauen Krähen, die dem Winter voranfliegen, und die schwarzen Turmschwalben, die hinter dem Frühling herfahren, würdigt er seiner Aufmerksamkeit; den silbernen Sonnenvögeln, die ihm goldene Tage verkünden, schenkt er keinen Blick. Aber würden sie nicht da sein, dann würde er sie doch wohl vermissen, öde würde ihm der Strand erscheinen, langweilig das Röhricht, verlassen die Schilfbucht; der blumenumhegte Wiesenbach dünkte ihm lange nicht so reizvoll und weniger schön der stille Teich, ohne rechtes Leben die sonnige Waldstraße und tot die blühende Heide. Er sieht sie nicht und erblickt sie doch, er hört nicht darauf hin und nimmt sie doch wahr, sein Verstand weiß nichts von ihnen, aber sein Gemüt nimmt doch etwas mit von den silbernen Sonnentieren, den zierlichen Libellen.

Hat er aber Augen im Kopfe, Schönheit zu sehen, so wird er ihnen erst verloren nachblicken, bis ihm die Mannigfaltigkeit ihrer Formen und der Reichtum ihrer Farben zum Bewußtsein kommt; er wird sie unterscheiden lernen, wird die beiden Gruppen trennen, die wilden Flieger und die schüchternen Flatterer, wird Art von Art trennen können, ihre wunderlichen Liebesspiele beobachten und über ihre Gewandtheit erstaunen, mit der sie in der der Edelfalken und Schwalben, einzig unter den Kerfen, ihre Beute im Fluge haschen; wird ihrem Vorleben nachspüren, das sie, bevor sie am Sonnenlichte sich freuten, auf dem Grunde der Gewässer führten, die wichtige Rolle erkennen, die sie im großen Haushalte der Natur spielen, sie schmerzlich vermissen, ist ihre Zeit um, und sich freuen, weist ihm ein sonniger Maientag die erste Wasserjungfer.