Die Dorngrasmücke findet auch, daß heute ein Prachttag ist; alle Augenblicke schwingt sie sich singend aus ihrem Brombeerbusche in die Luft, und das Weißkehlchen, das in dem Bandgrasgewirr bei dem Weidenbusche wohnt, macht es genau so. Sogar das Dorndrehermännchen, das sich meist für viel zu vornehm hält, um zu singen, fängt mit einem Male an, zu zwitschern, denn so gut, wie heute, ist es ihm lange nicht gegangen; auf dem dürren Schlehenzweige hat es schon für mindestens drei Tage Vorräte an Käfern und Heuschrecken aufgespießt, damit es ihm nicht wieder so gehen soll wie in der vorigen Woche, wo es zufrieden war, wenn es schließlich irgendwo ein mageres Fröschchen erwischte. Heute aber ist es anders; da ist eine dicke Hummel, hier ein fetter Käfer, dort eine leckere Heuschrecke. Es läßt sich heute schon leben.

Aber die große Wasserjungfer, die dort in so sonderbar stetigem Fluge einherzieht, muß er doch noch haben; schnell flattert er ihr nach, holt sie ein, faßt sie und fliegt mit ihr nach seinem Dornenzweige. Eine Weile hält er sie noch im Schnabel, dann spießt er sie neben den blanken Laufkäfer, wippt zufrieden mit dem bunten Schwanze hin und her und fängt wieder zu singen an. Aber da ist ja schon wieder eine Wasserjungfer, ganz dieselbe Art, und sie fliegt in derselben Richtung und in derselben stetigen Weise. Der Würger fliegt hin und holt sie sich auch. Und eine dritte spießt er auch noch auf, aber als er dann aufsieht, da fliegt schon wieder eine dahin, und noch eine, und jetzt zwei, und dann drei, und immer mehr; die ganze Luft ist voll davon.

Hoch oben in der Pappel sitzt der Turmfalke. Ab und zu schießt er herab, rüttelt über der Wiese oder läßt sich in ihr nieder, um mit einer Heuschrecke oder einem Käfer wieder nach seiner Warte zu fliegen, sie zu kröpfen und wieder zu lauern, bis er wieder eine Beute erspäht. Die Libelle kommt ihm gerade recht; ehe sie ihn erblickt, ist er über ihr und greift sie. Kaum hat er sie hinabgewürgt, da kommt schon wieder eine an, und eben hat er sie gefaßt, da ist noch eine da und hinter ihr abermals eine, und es will damit kein Ende nehmen, Libellen, nichts als Libellen, neben- und hinter- und übereinander, alle von derselben, großen, vierfleckigen, grünköpfigen Art, alle nach derselben Richtung in derselben ruhigen Weise fliegend, wie es sonst nicht Sitte bei ihnen ist. Ebenso verdutzt, wie der Würger, sieht der Falke ihnen nach.

Und ebenso verblüfft sind die Menschen des Städtchens. Wasserjungfern sind sie ja gewohnt, sehr viele sogar, denn um die Zeit, wenn die Tiere flugreif geworden sind, wimmelt es am Ufer von ihnen, und mitten in den Straßen der Stadt trifft man sie oft an, fliegend oder ermattet an den Hauswänden hängend. Das sind aber zumeist andere, mit dünnen, schwarz und gelb gemusterten Leibern, und nicht diese Art, und selbst wenn viele von ihnen da sind, in solchen Massen sind sie noch nie gekommen, und sie flogen auch nie, wie diese hier, alle in derselben Richtung und in einem geschlossenen Schwarme, der über fünfzig Fuß breit und an zehn Fuß hoch ist, und der anscheinend gar kein Ende nehmen will, denn als die Jungens zur Schule gingen, erzählten sie dem Lehrer schon davon, und jetzt, wo die Frühstückspause ist, fliegen sie noch immer und in noch größerer Menge.

Die Jungens vergessen ganz ihre Butterbrote, denn so etwas haben sie noch nie erlebt; ganz unheimlich kommt ihnen die Sache vor. Sie versuchen die Tiere zu zählen, aber das geht nicht; Tausende und Tausende sind es, die über den Schulhof hinwegziehen, doch so hoch, daß das Werfen mit den Mützen und Hüten sich nicht lohnt. Eine Viertelstunde dauert die Pause, und als sie aus ist, ist noch kein Ende des Libellenfluges abzusehen. Der Lehrer, der auch noch nie einen solchen Flug erlebt hat, sieht ein, daß es mit dem Mathematikunterrichte heute nichts gibt; die ganzen dreißig Jungens haben die Augen, statt auf der Tafel, bei den Fenstern, und die so sitzen, daß sie nicht hinaussehen können, die flüstern den anderen alle Augenblicke zu: »Fliegen sie noch immer?«

Der Lehrer lächelt; ihm wäre es nicht anders gegangen, als er noch ein Junge war, und so macht er mit der Mathematik Schluß und holt die Naturgeschichte aus dem Schranke und trägt den Schülern über die Wasserjungfern und ihre großen Wanderflüge vor, die schon oft beobachtet sind, von denen man aber nur weiß, daß es meist die vierfleckige Art ist, die in solchen Mengen auftaucht, daß aber Ursache und Ziel dieser Auswanderungen noch unbekannt sind, denn bestimmte Gesetze über die Rolle, die der Wind dabei spielt, hat man noch nicht herausfinden können, und auch für den heutigen Flug fehlt jede Erklärung. Man könnte vielleicht denken, die Libellen fühlten, der See könne nicht alle die Millionen von Larven ernähren, wenn die unzähligen Tiere in dem See ihre Eier ablegten; aber das sei nicht der Fall, weil der See Milliarden von winzigen Krebstierchen, Larven, Würmern und Jungfischen enthalte; austrocknen könne er auch nicht, weil er zu starke Quellen habe, und sonderbar sei es, daß die Libellen nicht nach dem nächsten, noch größeren See, sondern in einer Richtung flögen, in der auf Meilen hin gar keine Seen lägen.

Die einzige Erklärung, die es gäbe, sei die: die kalte Witterung der letzten Wochen habe das Ausschlüpfen der Wasserjungfern verzögert. Nun sei mit einem Male die starke Hitze eingetreten, und es habe eine Massenentwickelung stattgefunden, und es sei eine alte Erfahrung, daß, wenn eine Tierart in außergewöhnlicher Menge auftrete, sie Neigung habe, zu wandern, wie man es bei dem Heerwurm, dem Lemming und dem Baumweißling beobachtet habe, und daß dann diese Massen sich zusammenschlössen und alle nach derselben Richtung wanderten. Warum sie das aber täten, das wisse man nicht.

Als es Mittag läutete, hatten es die Jungens noch eiliger als sonst, und fast alle machten den Umweg am See vorbei, ehe sie nach Hause gingen, denn vom See kam der Libellenzug her, und auch der Lehrer ging zum Seeufer. Aber dort gab es auch keine gute Erklärung für die seltsame Erscheinung. Zwar saßen überall am Ufer, an den Binsen und an Rohr und Schilf, an den Balken der Waschbänke, an den Wänden der Fischerboote die leeren Larvenhüllen, und auf dem blauen Tongrunde des flachen Seeufers krimmelte und wimmelte es von breiten, flachen Larven, und überall sah man Wasserjungfern, die eben die Hülle verließen, und andere, die frisch ausgeschlüpft waren und mit schlaffen, farblosen Flügeln an Halmen und Treibholz hingen, und andere, die den ersten Flug wagten; aber der Hauptflug kam von der anderen Seite des Sees, wo die großen, flachen, kahlen Buchten waren.