Quer über den Spiegel des Sees kamen sie geflogen in fünfzig Fuß breitem, zehn Fuß hohem Bande, das so scharf abgegrenzt war, daß nur ganz selten einmal ein Stück außerhalb der Reihe flog. So wie sich der Zug dem Ufer näherte, erhoben sich die frisch ausgeschlüpften Stücke, die schon kräftig genug waren, und reihten sich ein, aber immer nur, wenn sie zu der vierfleckigen Art gehörten, denn es flogen auch solche mit den gelben Leibern, die aber dem Schwarme auswichen und unter ihm herjagten, denn er hielt sich immer in Manneshöhe über dem Wasserspiegel und hob sich noch höher, als er die ersten Häuser der Stadt erreichte, um sich wieder etwas zu senken, wenn er die Stadt hinter sich hatte.

Hätte der Zug seine Richtung ein klein wenig nach rechts genommen, so hätte er nicht über die Häuser zu fliegen brauchen, sondern wäre gleich im freien Felde gewesen; und noch eins war merkwürdig, die Tiere flogen ganz anders als sonst, wenn sie am Ufer auf- und abjagen, so ruhig, so stetig, und so gar nicht hastig. Auch sah man nicht, daß auch nur ein einziges Stück raubte, trotzdem es an Fliegen, Haften und anderem Getier durchaus nicht mangelte; auch waren alle in demselben Alter, denn die, welche die Leute mit langen Stangen, an die sie Zweige gebunden hatten, herunterschlugen, die waren alle so frisch und hatten so schimmernde Flügel, daß man es ihnen ansah, daß sie alle erst an diesem Tage ausgeschlüpft waren.

Den ganzen Tag über dauerte der Flug; erst als die Sonne unterging, nahm er ab, und an allen Hauswänden, an allen Bäumen, Hecken und Zäunen hingen die Tiere die Nacht über; als aber der Morgen kam und die Sonne über dem See stand, erhoben sie sich und schlossen sich dem Zuge an, der wieder über die Stadt zog; er war immer noch stark, wenn auch nicht mehr so wie am Tage vorher, und noch am Tage darauf ging ein Zug Libellen über die Dächer, der noch schwächer war, und einzelne flogen auch am vierten Tage noch in der alten Richtung, doch fielen sie kaum mehr auf.

Weiterhin im Lande, in der Richtung des Zuges, waren die großen Massen von Libellen auch beobachtet, wo aber das Ende des Zuges war, wo er sich verteilte, das erfuhr man ebensowenig wie in früheren Fällen, und unter der Bevölkerung des Städtchens ging noch lange das Gerede von den vielen Libellen, und eine alte Frau, die die Karten legte und das Vieh besprach, prophezeite, daß nun die Cholera oder ein großer Krieg kommen müsse wie jedesmal, wenn sich das fremde Ungeziefer sehen lasse.

Die Cholera kam aber nicht, und ein Krieg brach auch nicht aus, und es war auch gar kein fremdes Ungeziefer, sondern es entstammte dem See bei der Stadt und den vielen anderen Seen und Teichen in der Umgegend. Sie ist ein häufiges Tier, die vierfleckige Jungfer, und wo ein Wasser ist, da jagt sie, und auch über den Feldern und auf den Wiesen. Aber wer achtet auf sie? Den Löwen und den Tiger lernen die Kinder in der Schule kennen, und einige sammeln auch Käfer und Schmetterlinge, besonders die schönen und großen, und tragen in kindlichem Unverstande mit dazu bei, die Natur zu verwüsten. Aber die Wasserjungfer, die sie täglich sehen, kennen sie nicht, denn auch der Lehrer weiß meist nicht allzuviel davon, obgleich es ein Tier ist, das seine Bedeutung hat, weil es Unmengen von Ungeziefer vertilgt.

Sehr lehrreich wäre es für die Kinder, richtete der Lehrer ein Schulaquarium ein und führte darin die seltsame, unheimliche Larve vor, damit die Kinder beobachten könnten, wie sie den Bachflohkrebs belauert und den Regenwurm anschleicht oder, an dem Stengel des Wasserhahnenfußes langsam emporkriechend, die Schmeißfliege mit der Fangmaske packt und verzehrt, oder aber, ärgert der Lehrer sie mit dem Bleistifte, durch Ausstoßen und Einziehen von Wasser durch den Darm sich schnell quer durch das Glasgefäß fortbewegt. Die Kinder könnten beobachten, wie sie sich häutet, wie dann die Nymphe entsteht, die im Gegensatze zu der Larve Flügelscheiden aufweist, wie die Nymphe freßunlustig wird, das Wasser verläßt und aus dem plumpen, unheimlichen Wesen die schlanke, schöne Jungfer entsteht, wie sie sie täglich am Seeufer und auf den Wegen beobachten können.

Mit ganz anderen Augen würden die Kinder ihnen dann nachsehen, und später, wenn sie groß sind und einen Libellenflug erleben, würden sie wissen, daß Seuche und Kriegsgefahr andere Ursachen haben als die flinken Flatterer, die am Seeufer hin- und herflittern.


Im Röhricht