Von dem Boden und seinen Erzeugnissen unabhängig entstanden die Spitzenklöppelei, Posamenten- und Bürstenfabrikation. Auch diese Erwerbszweige waren auf die Hausierer angewiesen, welche die Waren an den Mann brachten.

Viele Hunderte zogen noch am Anfange unseres Jahrhunderts fast den größten Teil des Jahres mit Blechwaren, blauer Farbe, Schwefel, mit Spielzeug, Bändern und Spitzen, mit Schneeberger Schnupftabak, Pillen und Pflastern, Schönheider Pinseln und Bürsten umher. Aber zum Winter kehrten sie heim, wie die Strichvögel, und verzehrten, umnebelt von Dünsten des vaterländischen Bodens, von Hütten und Hohofendampf, und oft in verschneiter Heimat den sauer erworbenen Verdienst mit Weib und Kind.

Nach Dr. Köhler und Engelhardt.

58. Die erste Baumwollspinnerei Sachsens.

Die Zeiten, in welchen die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden während der langen Winterabende am Spinnrade saß und spann, sind vorüber; nur dem Namen nach hat sich das Andenken daran in verschiedenen Gegenden erhalten. »Sie geht zu Rocken,« sagt man wohl noch heutzutage im Gebirge, wenn die Nachbarin die andere besucht; indes hier ist an Stelle des Spinnrades und des Rockens oder der Kunkel das »Böckel« getreten, worauf die »schwarze Arbeit«, welche zum Verzieren der Frauenkleider dient, aufgerollt wird. In den Dörfern des oberen Vogtlandes wird noch immer fleißig Leinengarn gesponnen, von den ländlichen Webern gewebt und gebleicht, zu Leib-, Tisch- und Bettwäsche, sowie indigoblau gefärbt, zu Schürzen und Taschentüchern verwendet. Das in den altdeutschen Einrichtungen unseres Jahrzehntes aufgestellte Spinnrad ist bloß ein stilvolles Zierstück. Das Spinnen der Baumwolle dagegen besorgen die großen Spinnereien, die sich überall in unserem Gebirge, wo irgend eine genügende Wasserkraft vorhanden war, angesiedelt haben. Und doch sind noch nicht hundert Jahre verstrichen, seitdem es überhaupt in Sachsen Spinnereien giebt!

Die Erfindung der Maschinenspinnerei ist bekanntlich eine englische; man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu. Doch haben spätere Nachforschungen ergeben, daß Arkwright wohl ein großer Verbesserer, aber nicht der Erfinder der Spinnerei gewesen ist. Schon im Jahre 1730 spann Wyatt in Litchfield einen Baumwollfaden ohne Hilfe der Finger; doch hatte sein Versuch keine weiteren Folgen. Im Königreiche Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kleine Handmaschinen zum Spinnen der Baumwolle in Gebrauch. Gegen Ende des Jahrhunderts führte Karl Friedrich Bernhard das englische Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren Mulemaschinen; sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau bei Chemnitz durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da Watson als bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu bringen wußte, namentlich, so wird erzählt, die Trommelschnur nicht aufzuziehen verstand, wurde im März des Jahres 1802 der englische Spinner Evan Evans herübergezogen, der auch alsbald auf den Maschinen Garn spann. K. F. Bernhard hatte sich im Jahre 1801 mit seinem Bruder Ludwig vereinigt, und sie führten die Firma: Gebrüder Bernhard.

Evan Evans war 1765 in Llangeblidt in Caernavonshire in Nord-Wales, Großbritannien, geboren und kam aus Manchester 1802 im März als Werkmeister nach Harthau. Bei Gebrüder Bernhard, denen das Verdienst des Unternehmens gebührt, spann er auf neu von ihm hergestellten Maschinen die ersten Mulgarne, erfand hier die so weit verbreitete Spindelschleifmaschine, ehe eine dergleichen in England vorhanden war, erhielt auch dafür von der sächsischen Staatsregierung außer 400 Thalern Prämie eine Verdienstmedaille. Er war zugleich der Lehrer der ersten Spinner in Sachsen. Im Jahre 1806 fing er an, zu Dittersdorf selbständig sich mit Maschinenbauen zu beschäftigen, wählte aber 1809 Geyer zur Fortsetzung seiner zu immer höherer Anerkennung gelangenden Arbeiten. Evan Evans fertigte die Maschinen für eine Menge neu entstehender Fabriken in Erfenschlag, Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau, Lugau, Plaue, Schlettau u. a., auch für viele kleinere Unternehmungen im Erzgebirge und im Vogtlande, sowie in und um Chemnitz. Im Jahre 1810 brachte er die selbsterfundene, später vielfach nachgeahmte Maschine zum Cylinderreifeln am Wasser in Gang, während man sich damals selbst in England noch der Handarbeit dazu bediente. Zwei Jahre später legte Evans den Grund zu seiner eigenen Fabrik in Siebenhöfen. 1823 brachte er die erste sächsische Spulmaschine (Flyer) nach eigener Erfindung in Gang und empfing dafür von der Regierung eine Belohnung von 500 Thalern. Ebenso erfand er eine andere Spulmaschine zum Abwickeln des Garns, deren Nachahmungen weit verbreitet waren. Auf der Dresdener Ausstellung von sächsischen Gewerbeerzeugnissen erhielt der rührige Spinnmeister und Fabrikbesitzer die Große silberne Medaille auf ein Bündel von baumwollenem, rohem, zweidrähtigem Zwirn. Der amtliche Bericht meldet darüber, daß die ausgezeichnete Beschaffenheit des Fadens, sowohl hinsichtlich der Gleichmäßigkeit, als auch der Haltbarkeit alles zu übertreffen scheine, was bisher in dieser Art in Sachsen geleistet worden sei. Evan Evans ist in einem Alter von 79 Jahren am 9. Dezember 1844 gestorben und auf dem Friedhofe neben der Hauptkirche zu Geyer beerdigt worden.

Der Ruhm der Evansschen Spinnerei lebte unter Eli Evans, einem Sohne des Gründers, lange Zeit fort. 1845 erhielt die Spinnerei auf der Dresdener Ausstellung die goldene Medaille für die zweidrähtigen Zwirne (Lacedreath) Nr. 70 bis Nr. 120. Sie erschienen nicht nur an sich vollkommen, sondern auch in dieser Vollkommenheit und in Darstellung der höheren Nummern in ganz Deutschland als einzig in ihrer Art, und auch die Preise stellten sich verhältnismäßig billig. Eli Evans war Mitglied der sächsischen Kammer und des deutschen Parlaments.

Evan Evans war im Kreise seiner Bekannten geschätzt und verehrt als ein Mann von seltener Redlichkeit und Hoheit der Gesinnung, bewährt unter allen Wechseln der Zeit. Pastor Blüher hat in der »Leipziger Zeitung« zur Errichtung eines Denkmals für Evan Evans aufgefordert. Dasselbe sollte an der Stelle, wo der um Sachsen hochverdiente Mann seinen letzten Schlummer schläft, in Geyer, errichtet werden, wo er sich durch Thätigkeit seines rastlosen Geistes die Mittel zur Begründung der eigenen Fabrik in dem angrenzenden Siebenhöfen erworben, in Geyer, welches ihm immer als seine zweite Heimat galt, und wo er sich neben Gattin und Enkeln seine Ruhestätte gewählt hatte.

Die erwerbslosen Jahre ließen den Vorschlag Blühers nicht zur Reife gedeihen. Der gesammelte Betrag wurde zu einer Evansstiftung an den technischen Staatslehranstalten in Chemnitz verwendet. Die Saat, die Evans gestreut, grünt und blüht noch heute im Erzgebirge und im ganzen Königreiche Sachsen fort. Zwar ist in dem mächtigen, von dorischen Halbsäulen flankierten Baue in Siebenhöfen jetzt eine Pappenfabrik und Prägeanstalt untergebracht, aber es haben sich doch an den Ufern der Zschopau und ihrer Zuflüsse, zu denen auch der Geyersche Stadtbach zu rechnen ist, der kurz unterhalb der »Evansschen« Fabrik einmündet, die größten und bedeutendsten Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.