Bis tief in das 13. Jahrhundert hinein, dann wieder zu Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts, stellenweise selbst bis in die neueste Zeit ist das Ausroden des Waldes, um Ackerland und auch Wiesenland für neue Ansiedelungen zu gewinnen, im umfangreichsten Maße betrieben worden. Jahrhunderte lang bildete der Wald den unerschöpflich erscheinenden Vorrat, durch dessen Niederschlagen man Raum für Feld, Holz für Bauten, Bergwerks- und Hüttenanlagen, Geld für Zinsen und Steuern u. s. w. erlangen konnte, ohne an die Wiederaufforstung kahl geschlagener Höhenzüge und Abhänge denken zu müssen. Der Wald war die unerschöpfliche Geldquelle für den fortschreitenden Anbau. Erst Jahrhunderte später, nachdem das Land durch die länger als ein halbes Jahrtausend fortgesetzte Urbarmachung und Zerstörung des Waldgebietes seine gegenwärtige Oberflächengestalt und Bedeckung gewonnen hat, ist man zu der Überzeugung gekommen, der Waldvernichtung nicht bloß Einhalt thun zu müssen, sondern auch das Waldgebiet durch Neuanpflanzung erhalten und vergrößern zu sollen.
Mit dem Vordringen des deutschen Stammes in das Gebiet der Slaven und in das Gebiet des waldbedeckten Gebirges beginnt erst die geschichtliche Zeit diesem Landes. Wenn auch die Vorgänge, besonders auf dem letzteren, vielfach unbekannt geblieben oder verschleiert und entstellt auf die Nachwelt gekommen sind, lassen sich doch die allgemeinen Grundzüge dieser Entwickelung noch erkennen.
Nach M. Lehmann und Süßmilch.
27. Die obererzgebirgischen Ortsnamen.
Bei der anzutretenden Wanderung durch das Gebiet der Ortsnamen des Obererzgebirges halten wir zuerst eine Umschau über die Berge. Die Namen derselben tragen fast durchgehends deutsches Gepräge und sind nach den verschiedensten Gesichtspunkten gegeben. Auf die Gestalt weisen hin: Spitzberg, Ochsenkopf, Hut- und Kanzelberg, Hirnschädel; auf das Klima oder die Unfruchtbarkeit einzelner Höhen: Kaltes Feld, Kalter Muff, Kahler Berg, Kahle Höhe und Thürmrich, d. i. Dürrer Berg (bei Frauenstein); nach den Pflanzen, die auf ihnen wuchsen oder noch wachsen, sind benannt: Buch-, Eichel-, Ahorn-, Kiefern- und Fichtelberg; nach den Tieren, die häufig dort angetroffen wurden: Bären-, Wiesel- und Wolfsstein, Krahstein, d. i. Krähenstein und Adlerstein; nach Erzen: der Kupferhübel und der Eisenberg. Einzelne, wie der Kapellenberg, der Hofberg, der Zechenberg verdanken ihren Namen bestimmten auf ihnen errichteten Gebäuden, andere, wie Andreasberg, Gastberg, Geringsberg, Richterberg dem Besitzer der Fluren, auf denen sie lagen. Einer ausdrücklichen Erwähnung verdient noch der Name der bei Schwarzenberg sich erhebenden Morgenleite. Der zweite Teil dieses Worten ist das ahd. hlita, mhd. lite, in Norwegen noch in der Form Lid bekannt. Derselbe bezeichnet eine Berglehne oder einen Abhang und kommt in dieser Bedeutung im Erzgebirge außerordentlich häufig vor. Man unterscheidet die Süd- und Nordseite eines Berges als Sommer- und Winterleite: den ersteren Namen tragen in Annaberg zwei an der Sommerseite eines Abhanges angelegte Gassen, den letzteren ein Teil des Geyerschen Waldes; an der unteren Preßnitz heißt ein Abhang die Hirschleite; in der Nähe von Dorfchemnitz bei Sayda finden sich Buch- und Thonleite, bei Oederan die Hammerleite. In der sächsischen Holz- und Forstordnung von 1560 werden aufgeführt: Habichts-, Pech-, Grase-, Brand- und Trachenleite, und bei Elterlein heißt ein Dorf, in welchem sich früher eine Bergwäsche befand, Waschleite. Von dem in vielen unserer Bergnamen hervortretenden Grundworte Hübel, wie bei Lerchen-, Zeisig- und Hahnenhübel, begegnet uns in oberdeutschen Gegenden in Orts- und Bergnamen die umgestellte Form Bühel, ahd. puhil. In unserem Gebirge ist der Ausdruck unbekannt. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß der ehrwürdige Annaberger Geschichtsschreiber Jenisius auf dem richtigen Wege ist, wenn er Pöhlberg auf jenes Bühel zurückführt, aus welchem dann Pihl und Pehl als entstellte Formen hervorgegangen sein würden.
Zwei bekannte Bergnamen, Auersberg und Rammelsberg, haben insofern noch eine besondere Bedeutung, als sie auf die Frage nach der Besiedelung unseres Gebirges führen. Wie die in andere Erdteile Ausgewanderten ihre neuen Ansiedelungen mit Vorliebe nach heimatlichen Orten benennen, so haben auch die durch Krieg und Hungersnot leidenden Harzer Bergleute, die einst massenhaft in die silberhegenden Berge unseres Vaterlandes einwanderten, Namen aus ihrer alten Heimat auf Wohnsitze und Örtlichkeiten übertragen. Noch heute finden sich im Harze nicht nur die erwähnten beiden Bergnamen, sondern auch zahlreiche Ortsnamen des Gebirges wie Hohenstein, Kirchberg, Stollberg und der bekannte Name Quedlinburg, den einmal unser Elterlein geführt haben soll. Ein anderer heute noch im Harze vorkommender Bergname, der Eibenberg, läßt es kaum zweifelhaft erscheinen, daß auch die Stadt Eibenstock als eine Niederlassung jener Harzer Bergleute zu gelten habe und daß der Name derselben wie der jenes Eibenberges auf die in Norddeutschland und auch im Harze heimische Eibe oder den Taxusbaum zurückzuführen sei.
Wir steigen von den Höhen herab und wenden uns nach den Waldungen und Fluren. Wir beschränken uns namentlich auf Hervorhebung einiger aus älterer Zeit überlieferter, jetzt unverständlich gewordener Benennungen von Waldbezirken. Dahin gehören vor allem die mit »Struth« bezeichneten Waldungen bei Bernsbach, Flöha und Plaue, sowie die obere und niedere Struth im Westen von Langenau bei Freiberg. In diesem Ausdrucke lebt noch ein altes deutsches Wort für Wald, Buschwerk oder Dickicht, das heute nur noch in Hessen gebräuchliche, mhd. die strut oder struot, fort. Der von Chemnitzer Geschichtsschreibern aufgeführte Name Bramenwald, der heutige Zeisigwald bei Chemnitz, erklärt sich aus dem ahd. der prâmo und die prâmà, d. h. Dornstrauch, Dorngebüsch, insbesondere Brombeerstrauch. Daß der bei Zöblitz wie bei Satzung vorkommende Name Kriegwald in Beziehung steht zu den in diesen Wäldern ausgefochtenen Kämpfen im Hussitenkriege, daran ist wohl um so weniger zu zweifeln, als man dort noch im 17. Jahrhundert aufgeschichtete Haufen von Totengebeinen und Waffen gefunden hat. Nicht an den Krieg, wohl aber an die um Grenze und Rainung geführten Rechtsstreitigkeiten einzelner Personen oder ganzer Gemeinden mag die in verschiedenen Gegenden erscheinende Bezeichnung Streitwald erinnern. Die meisten dieser Wald- und Flurbezeichnungen lehnen sich wiederum an Tiernamen an: von diesen Bildungen seien nur die in Lehmanns »Schauplatz« angeführten erwähnt: Aus den Lautersteinschen Wäldern: der Drachenwald, Rabenberg, die Dachslöcher; auf dem Crottendorfer Oberforstgebiete: die Vogelleite, Hirsch- und Auerhahnpfalz, der Säu- und Bärenfang, Tier- und Saugarten; im Grünhainer Gebiete: der Bärenacker, Fuchs- und Wolfsstein; auf dem Lauterschen: das Wolfslager, der Hirschstein, Habichtshübel, die Bärenstallung, der Wolfsgarten, Rabenberg, die Drachenleite, Bärenlage und Sauwiese.
Von den Höhen steigen wir herab in die Thäler und gelangen so zu den Flüssen. Bei ihnen ist die Namengebung ausgegangen vom Laufe und der Gestalt derselben, der Farbe des Wassers, den anstehenden Pflanzen, der Umgebung und zuweilen wohl auch von anliegenden Ortschaften. Die Namen der größeren Flüsse Elbe, Elster und Mulde lassen ohne weiteres ihren deutschen Ursprung erkennen. Auch die kleineren Gebirgsbäche wie das Schwarzwasser, der Saubach, Rauschenbach, Sandbach, Schindelbach, Goldkrönlebach, die zwei letzteren bei Großrückerswalde und Pobershau, und andere sind von den Deutschen benannt worden. Für eine größere Anzahl unserer Gebirgswässer läßt sich dagegen eine Ableitung aus dem Deutschen nicht gewinnen. Aus der slawischen oder sorbenwendischen Zeit stammen denn auch die zahlreichen slawischen Orts- und Flußnamen unseres Gebirges. Der Name der Zschopau, nach welchem auch die Stadt genannt ist, wird zurückgeführt auf slawisch Sapawa = die Reißende, Zischende, Tosende; gleiche Bedeutung hat das tschechische bistry, von welchem die in Urkunden als flumen Bistrice, später Wistricz aufgeführte Weißeritz den Namen hat; nach der Buche, slawisch buky, tschechisch buk ist die Bockau, nach der Birke, slawisch briza oder brschiza die Preßnitz, nach dem Biber, slawisch bibra, tschechisch bobr die Bobritzsch, nach dem Wildschwein, slawisch svisnija die Zwönitz benannt. Die Chemnitz, urkundlich flumen Caminizi, heißt Steinbach, nach dem slawischen Kameni = Stein, und Lößnitz, urkundlich Lessenitz aus slawisch lêsu, tschechisch les = der Wald oder Busch, bedeutet der Waldbach.
Unsere Wanderung in den Flußthälern auf- und abwärts und über die Scheiden der Wasserläufe führt uns weiter zu den verschiedenen Ortschaften, den freundlichen Städten und Städtchen und den friedlichen, sauberen Dörfern unseres Gebirges.
Das Dorf Drebach bei Wolkenstein erscheint urkundlich als Träte-, Tretebach, Dratbach. Der erste Teil diesem Namens, Drat oder Träte, ist ein gutes deutsches Wort, ahd. drâti, mhd. draete mit der Bedeutung schnell, rasch. Dasselbe bezog sich auf den raschen Lauf des durch den Ort eilenden Baches. Aber da es längst schon dem Sprachbewußtsein entschwunden ist, suchte man sich den Namen Trätebach durch Anlehnung an das geläufige Zeitwort drehen verständlich zu machen und bildete mit Unterdrückung des inlautenden t Drehbach. Daß der Volksgeist oft mit recht kühnen Deutungen bei der Hand ist, beweist eine Mitteilung über das Städtchen Geyer, wonach dasselbe seinen Namen vom Teufel haben soll, der auf einem Spaziergange beim Anblick der unwirtlichen Gegend ausgerufen habe: »Pfui Geyer!«