Noch 1402 heißt der Ort Cappel bei Chemnitz zu der Capelln, das heißt zu der zur Nikolaikirche gehörigen Kapelle. Die Namen Altenberg, Breitenbrunn, Weißenborn heißen dementsprechend ursprünglich zu dem alten Berge, dem breiten Brunnen, dem weißen Born. Gleiche Bedeutung haben Neundorf, Naundorf, Neudorf, nämlich zu dem neuen Dorfe. Siebenhöfen heißt eigentlich zu den sieben Höfen und ist benannt nach den sieben Wirtschaftsgebäuden, aus welchen der zwischen Tannenberg und Geyer liegende Ort anfangs bestand. Bei Lengefeld zeigt nur noch die urkundliche Form Langenfeld die eigentliche Bedeutung.
Nun ist noch auf die äußeren Gründe einzugehen, von welchen sich die einstigen Ansiedler bei der Benennung ihrer Wohnplätze haben leiten lassen. Als natürlichster Ausgangspunkt erscheint zunächst die Bodenerhebung, das heißt, ob ein Ort auf oder an dem Berge, im Thale oder in der Ebene angelegt wurde. Zahlreich sind die Zusammensetzungen, wie die Städtenamen: Schneeberg, Schwarzenberg, Freiberg, und die Dorfnamen: Grünthal, Blauenthal, Rothenthal. Auf die Höhenlage weisen hin: Steinhübel, Berggießhübel, Scharfenstein, Wolkenstein. Höhen- und Thallage zugleich deuten an Ober- und Unterwiesenthal. Nach der Bodenbeschaffenheit ist benannt der Ort Sand bei Freiberg. Auch die beiden Dörfer Grießbach bei Wolkenstein und Schneeberg haben ihren Namen von dem Sande erhalten, den die hier fließenden Bäche an ihren Ufern absetzen; denn der Ausdruck Grieß (mhd. griez) bedeutet den Sand am Ufer oder Grunde des Wassers. Bei den mit Haide gebildeten Namen müssen wir an Orte denken, die im Heidelande gegründet wurden. Kühnhaide oder Kienhain heißt eigentlich Fichtenheide.
Namengebend dient auch der Wald. Bildungen wie in Königswalde, Fürstenwalde u. a. lassen sich schon seit dem 8. Jahrhundert nachweisen. Ein Wäldchen nennen wir jetzt Hain; früher bedeutete das aus hagan zusammengezogene Wort einen Dornbusch. Hierher gehören Namen wie Grünhain, Altenhain, Pfaffenhain. Eine weitere Gruppe lehnt sich an Tier- und Pflanzennamen an. Dem Worte Gablenz liegt zu Grunde das Wort jablu, der Apfelbaum, Geyer stammt von jawor, der Ahorn, Gelenau von jeleni, der Hirsch. Zahlreiche Orte verdanken dem Wasser ihre Namen. Flußnamen kehren als Ortsnamen wieder: Sehma, Pöhla, Preßnitz. Dorfschaften wie Krumbach, Steinbach, Lauterbach sind nach dem Laufe oder der besondern Eigentümlichkeit des sie berührenden Gewässers benannt. Benennung wie Furth bei Chemnitz weisen auf Übergangsstellen über die Gewässer hin.
Auch auf Personennamen sind Ortsnamen zurückzuführen. So ist es bei den vier Städten, die nach der heiligen Familie genannt sind: Annaberg, Marienberg, Jöhstadt, Joachimsthal; Johanngeorgenstadt, Ober- und Niederneuschönberg sind in Anknüpfung an Johann Georg I. und Caspar von Schönberg auf Pfaffroda benannt. Ohne weiteres verständlich sind: Hermannsdorf, Erdmannsdorf. Cunersdorf weist auf Cunradisdorf und dies auf einen Konrad. Leukersdorf bei Zwönitz wird noch 1306 Leutgersdorf genannt. Leutger ist der alte Namen Liutger. Seifersdorf bei Dippoldiswalde, 1312 Syvirdisdorf, führt auf Siegfried, Röhrsdorf bei Chemnitz, urkundlich Rudigersdorf auf Rüdiger, Hilbersdorf, um 1290 Hillebrandisdorf auf Hildebrand und Dittersbach bei Frankenberg, ehemals Dyterychsbach, auf den vielberühmten Namen Dietrich. Die letzten fünf Namen finden sich sämtlich in Volksepos der Nibelungen; ihnen ließe sich leicht eine Reihe anderer erzgebirgischer Ortsnamen anfügen, in denen uns Personennamen aus der ältesten Zeit unserer deutschen Geschichte entgegentreten.
Nach Prof. Dr. Göpfert.
28. Die Dörfer.
a. Slawische Dörfer.
Das slawische oder sorbenwendische Dorf, für dessen Anlage noch zahlreiche Beispiele nördlich vom Erzgebirgsfuße zu finden sind, bildet ein geschlossenes Ganze und bestätigt schon in seiner äußeren Form und seinem Grundrisse die Verbindung des Gemeindewesens. Die vorwiegende Form, gewissermaßen die Urgestalt des altslawischen Dorfes, ist die Kreisform. Die sämtlichen Höfe desselben liegen aneinandergeschlossen in einem Kreise, und nur ein Eingang führt in das Innere des Dorfes; während die äußere Umfassung von Hecken oder Lehmwänden gewissermaßen die erste Verteidigungslinie bildet. In der Mitte des Dorfes liegt in der Regel ein Teich. Ein von Linden umfaßter Platz bildet die Stätte der Gemeindeversammlungen und Beratungen. Häufig ist eine kleine Kapelle neben demselben; während die Kirche in der Reihe der Höfe liegt. Man kann für diese Dorfform noch zahlreiche Beispiele sorbenwendischen Ursprungs auf dem unteren Rande und am Fuße des Erzgebirgsabhanges nachweisen, häufig selbst da, wo die ursprüngliche Form durch das Anwachsen des Ortes schon bedeutend verändert ist. Auf dem eigentlichen Gebirgsabhange kommen sie über 250 m Meereshöhe nicht mehr vor.
Als oberster Grundsatz allen Besitzes galt, daß die ganze Feldmark des Dorfes an Äckern, Wiesen, Weiden, Waldung, Umland und Wüstungen, Bächen, Teichen u. s. w. der Gemeinde als Gesamtbesitz angehörte und daß der einzelne Hofbesitzer nur als Mitglied der Gemeinde gewissermaßen den Nießbrauch eines entsprechenden Teiles des Gesamtbesitzes hatte.
Nach M. v. Süßmilch.