f. Sagen und Geschichten zum Prinzenraube.

1. Die große Glocke in Geyer.

Von der großen Glocke in dem alten Bergstädtchen Geyer, welche früher in einem uralten viereckigen Turme an der Kirche hing, erzählt die Sage, sie sei auf dem Geyersberge, an dessen Fuße die Stadt liegt, durch eine Sau mehrere Ellen tief aus der Erde herausgewühlt und von den Bürgern, welche sich dieses Fundes freuten, aufgehängt worden. Sie soll aber nicht eher einen reinen und vollen Klang gegeben haben, als bis ein Priester sie zu ihrer heiligen Bestimmung geweiht hatte.

Mit dem Reformationsfeste 1885 wurden es 350 Jahre, daß die jetzige Glocke der protestantischen Gemeinde zu Geyer ihre eherne Stimme geliehen hat. Sie trägt ein vortrefflich geschnittenes Rundbildnis des Herzogs Heinrich des Frommen. Ihr erstes, majestätisches Geläute hat sicher dem anwesenden Herzog Heinrich als Beförderer der evangelischen Wahrheit und dem Feste der vollendeten Reformation in Geyer zugleich gegolten. Die große Glocke hält 1,80 m im Durchmesser und ist 1,60 m hoch. Sie stammt höchst wahrscheinlich aus der Hilligerschen Gießhütte zu Freiberg. Sie trägt die ausgezeichnet geschnittene Umschrift:

»Also hot got dy welt geliebt, daß ehr seinen einigen son gab uf das alle dy an yn glauben nicht verloren werden sondern haben das ewige leben. Johann am III.

MDXXXIX.«

Das Metall zum Guß der Glocke, die nach der Schätzung von Sachverständigen gegen 63, nach dem Volksmunde aber 100 Zentner wiegt, lieferte seinerzeit die berühmte Prinzenglocke, welche vom Kurfürsten wegen des erfolgreichen Sturmläutens beim bekannten Prinzenraube der Stadt geschenkt wurde. Auf dieser Glocke waren die Bildnisse der beiden jungen Fürsten angebracht; auf der andern Seite sah man Kunz auf der Erde liegend und das Pferd haltend, daneben den Fürsten Albrecht und den Köhler. In der freieren Blüherschen Übersetzung lauten die Glockenverse:

1. »Kurt entführte die fürstlichen Prinzen; die himmlische Jungfrau –
Diese Glocke bezeugt's – gab sie uns gnädig zurück.

2. Ob des fliehenden Räubers der Prinzen laut stürmend zersprang ich,
Doch aus fürstlichem Schatz ward ich wieder verjüngt.«

Im Jahre 1480 besichtigte Herzog Albrecht die Glocke, die leider 1535 sprang. Wahrscheinlich auf Kosten des Herzogs Heinrich des Frommen ist die jetzige Glocke umgegossen worden.