Hier lebte Stülpner fünf Jahre lang in stiller Zurückgezogenheit mit den Seinigen, deren Zahl sich unterdessen noch durch die Geburt eines Knaben vermehrt hatte und befand sich ganz erträglich. Sein abenteuerliches Leben zog immer viele Gäste herbei, die bei dem Anhören seiner Thaten und seiner erlittenen Schicksale beim Bierkruge so manchen Kreuzer sitzen ließen. Mit dem Jahre 1813 zogen die Oesterreicher nach Sachsen gegen Napoleon, Sachsen erließ Generalpardon, was Stülpner veranlaßte mit seiner Familie in seine Heimat Scharfenstein zurückzukehren und seinen Abschied zu fordern, der ihm diesmal auch gewährt wurde.
Im Spätherbste desselben Jahres durchstreiften eine Menge Kosaken, spottweise Bauernkosaken genannt, unser Gebirge, die überall plündernd eindrangen und einstmals auch wohl 200 Mann stark nach Scharfenstein kamen, um alles, was sie fortbringen konnten, mit sich zu nehmen. Auch Stülpners Familie blieb nicht verschont, das Raubgesindel trug ihr sämtliche Habseligkeiten weg. Enrüstet über diese Frechheit eilte Stülpner zwei Nachzüglern nach und warf sie, nach einigen unsanft ausgeteilten Rippenstößen in die Zschopau, um ihnen hier ein russisches Dampfbad zu bereiten. Kurz darauf befreite er das Dorf Grießbach, wo auch eine Menge Kosaken plünderten, mit Hilfe eines ungarischen Husarenunteroffiziers, der auf dem Schlosse Scharfenstein als Salvegarde lag, von diesen Räubern, und hatte sich durch seine längst anerkannte Bravour und Kühnheit einen solchen Ruf erworben, daß er überall in der Umgegend, wo solche Plünderungen verübt wurden, zu Hilfe herbeigerufen wurde und durch seine Geistesgegenwart und derben Fäuste so manche Mißhandlung der armen Einwohner sowie den Verlust ihres Eigentums verhinderte.
Im Jahre 1814 kaufte sich Stülpner ein Haus in Großolbersdorf, welches später seine Tochter besaß, die an den Holzhändler Schönherr verheiratet war. Nachkommen dieses Schönherr, also Enkelkinder und Urenkel Stülpners, leben heute noch in Marienberg, in Lauterbach und in Lauta.
In Großolbersdorf blieb Stülpner 5 Jahre, wanderte dann, von seinem unruhigen Geist immer wieder fortgetrieben, abermals nach Böhmen, wo er sich in Preßnitz niederließ und mit glücklichem Erfolg Paschhandel betrieb.
Stülpner blieb bis zum Jahre 1828 in Böhmen, wo ihn das große Unglück traf, durch den Staar ganz zu erblinden. In dieser für ihn höchst traurigen Lage brachte er bis 1831 zu, wo er sich in Mittweida einer Operation unterwarf, aber nur auf dem linken Auge die Sehkraft wieder erlangte.
Als er im 73. Lebensjahre stand, entwirft Schönberg über seine Persönlichkeit folgende Beschreibung: Stülpner ist zwar noch rüstig und gesund und bietet allen Elementen Trotz, doch seine Hand, vermittelst welcher er sonst seine tödliche Kugel so sicher zu dem verfolgten Ziele sendete, zittert, und seine Sehkraft ist so geschwächt, daß er stets einen Blendschirm tragen muß, und ist deshalb nicht vermögend, durch irgend eine Handarbeit seine kümmerliche Existenz zu fristen. Er besitzt noch alle Zähne, die wohl erhalten sind, und seine Sprache ist, vorzüglich wenn er bei dem Erzählen seiner Thaten in jugendliche Hitze gerät, noch so kräftig und donnernd, daß oft die Fensterscheiben davon erklirren möchten. Ebenso ist seine ganze Haltung noch gravitätisch genug, um mit einer spanischen Grandezza darin wetteifern zu können. Seine Länge beträgt 76 sächsische Zoll und seine braune männliche Physiognomie verrät sogleich das ihm angeborene treuherzige Wesen, aber auch, wenn er gereizt wird, seine leicht aufbrausende Hitze. Die Aussprache Stülpners gleicht dem höhern erzgebirgischen Provinzialdialekt.
In seinem hohen Alter ist Stülpner, da er vollständig erwerbsunfähig geworden war und kein Vermögen besaß, ganz und gar auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen gewesen, doch ist es falsch, wie man hier und da hört, daß er bettelnd umhergezogen und zuletzt im Armenhaus gestorben sei. Unter den Jagdgenossenschaften hatte man an verschiedenen Orten Sammlungen für Stülpner veranstaltet. Herr Pastor Maximilian Lindner in Großolbersdorf schreibt mir: »Der Wilddieb und Abendteurer Karl Stilpner (nicht »Stülpner,« wie sich jetzt die Nachkommen seines Bruders, in Scharfenstein wohnhaft, schreiben), hatte sich zwar gar nichts für sein hohes Alter erspart, aber so oft er sich bei seinem Schwiegersohne hier besuchsweise aufhielt und da schon halb erblindet war, ist er nicht von fremden Leuten unterstützt worden. Sein Lebensabend in Scharfenstein wurde ihm, dem ehemaligen herrschaftlichen Holzwärter, von der immer sehr gnädigen Familie von Einsiedel auf Schloß Scharfenstein, einer stillen Beschützerin, durch ansehnliche Spenden dergestalt erleichtert, daß es ihm an Nahrung und Kleidung nicht mangelte.«
Laut Kirchenbuch zu Großolbersdorf ist Karl Stülpner am 24. September 1841 in Scharfenstein an Entkräftung gestorben und am 27. desselben Monats auf dem Gottesacker zu Großolbersdorf christlich beerdigt worden.
Ueber Stülpners Sohn teilt mir gütiger Weise Herr Pastor Lindner weiter mit: »Stülpners Sohn, in Böhmen geboren, diente als Jüngling von ungefähr 18 Jahren bei Fabrikdirektor Leonhardt in Scharfenstein. Im Jahre 1845 habe ich mit Herrn Leonhardt diesen Stülpner als Soldat in Theresienstadt gesehen. Im Jahre 1875 oder 1876 hat mich dieser Stülpner hier besucht und befand sich in schlechtem Zustande. Wo er sich jetzt aufhält, ist mir unbekannt.«
Ende.