Ueberhaupt leuchtete aus seinem ganzen Benehmen hervor, daß er einen unerschütterlichen Ernst und eine nicht gewöhnliche Gewalt über sich besaß, sowie eine gewisse Abneigung gegen das Gewöhnliche während seines abenteuerlichen und verhängnisvollen Lebens gewonnen hatte.
Kurz nachdem Stülpner wieder zu seinem Regimente zurückgekehrt war, verehelichte er sich mit der Tochter des Richters Wolf aus Scharfenstein, mit welcher er schon seit mehreren Jahren in näherer Verbindung gestanden, aber wegen seines frühern, unstäten und unerlaubten Lebenswandels die Einwilligung der Eltern zur Trauung nicht erhalten hatte. Jetzt, da er wieder auf freien Fuß gestellt war und sich eifrig bestrebte, durch rege Thätigkeit und treue Pflichterfüllung seine begangenen Vergehen wieder gut zu machen, konnte der alte Wolf (seine Gattin war kurz vorher gestorben) den wiederholten Bitten der Tochter seine Genehmigung zur Verbindung mit ihrem Karl zu geben, nicht länger mehr widerstehen. Stülpners Gattin blieb in der Behausung ihres Vaters, da das geringe Traktement in der Garnison nicht ausreichte, sie hinlänglich versorgen zu können, und beschenkte ihn nicht lange darauf mit einem munteren Knaben.
So schien sich denn das Schicksal, das Stülpnern zeither immer so hart verfolgt hatte, wieder mit ihm auszusöhnen und ihm nach so vielen sturmbewegten und gefahrvollen Tagen wieder heitere Stunden gewähren zu wollen. Denn wenn er sich auch jetzt als Ehegatte und Familienvater oft kümmerlich behelfen mußte, da der geringe Sold kaum für ihn hinlangte und er außer seiner Dienstzeit sich allen möglichen Handarbeiten unterzog, um seiner Familie einiges zufließen zu lassen, so befand er sich doch glücklich in seiner Lage und man hörte nie eine Klage über seine Lippen kommen.
Hierzu kam noch, daß man ihm einige Hoffnung auf Erlangung einer Försterstelle in den weitläufigen Waldungen seines Gerichtsherren unter der Bedingung gemacht hatte, daß er zuvor noch einige Jahre im Militärdienste ausharre und jeden auf ihm ruhenden Verdacht vertilge. Diese für ihn so günstige Aussicht ließ ihn daher jetzt gern alle Mühseligkeiten seiner oft drückenden Lage überwinden.
So waren denn wieder einige Jahre für Stülpner verflossen, ohne daß seine so sehnliche Hoffnung nach einem gewissen Brote sich erfüllt hätte; denn so sehr man sich auch überzeugte, daß Stülpner einen solchen Posten am besten verwalten würde und ganz dafür geeignet sei, so sehr man hoffen konnte, was auch Stülpners ernstlicher Wille war, seine begangenen Fehler durch treue und geschickte Verwaltung einer solchen Stelle in etwas wieder gut zu machen, so blieb doch immer dieser sein inniger Wunsch noch unerfüllt. Denn wenn auch das hier und da noch nicht erloschene Mißtrauen ihm nicht die größten Hindernisse in den Weg legte, so waren es doch die Forstbeamten, die ihn aus leicht zu erratenden Gründen nicht gern auf diese Art angestellt sehen wollten.
Während so sich Stülpner immer noch der täuschenden Hoffnung hingab, bald durch eine lebenslängliche Anstellung der kümmerlichen Sorge für seine Familie, die unterdessen durch die Geburt eines Mädchens vermehrt worden war, überhoben zu werden, türmten sich auf einmal am südlichen Horizonte eine Menge schwarzer Gewitterwolken auf, die durch ihr schnelles Herannahen und Herabstürzen auf unsern vaterländischen Boden so manche schöne Hoffnungen zertrümmerten.
Das Jahr 1806 nämlich war es, wo der Welterstürmer Napoleon mit seinen Siegesscharen auch unser Vaterland heimsuchte und in kurzer Zeit ganz Deutschland damit überflutete.
Unter den 20000 Mann Sachsen, welche im September 1806 in Thüringen einmarschierten, um sich dem linken Flügel des preußischen Heeres anzuschließen, befand sich auch das Chemnitzer Regiment, und unter ihm Stülpner. Auf der Flucht nach der unheilvollen Doppelschlacht von Jena und Auerstädt ward Stülpner, der während der Schlacht als Scharfschütze treue Dienste geleistet hatte, von seinem Regimente versprengt und auf der Retirade nach Weimar gefangen genommen. Mit einer Menge ebenfalls gefangener Preußen wurde er nun von französischen Husaren nach Querfurt transportiert und daselbst auf dem Schlosse in Verwahrung gebracht. Stülpner hatte schon mehrere Tage gehungert und in Querfurt wurde ihm auch nur ein wenig Brot und Wasser verabreicht, er beschloß deshalb auch hier durch die Flucht seiner Gefangenschaft zu entgehen. Vermittelst einiger Stricke, die er sich zu verschaffen gewußt hatte, ließ er sich zwei Tage nach seiner Ankunft in Querfurt während einer stürmischen Nacht mit noch vier anderen Kameraden drei Stockwerk hoch von seinem Gewahrsam herunter und entkam mit seinen Gefährten glücklich bis nach Merseburg, inzwischen aber war die Neutralität Sachsens erklärt worden. Von hier aus nahm er in gerader Richtung seinen Weg in die Heimat zu seiner Familie, die ihn zwar mit großer Freude, aber zugleich auch in Trauer empfing. Acht Tage vor seiner Ankunft in Scharfenstein war seine Mutter in einem Alter von 89 Jahren an Altersschwäche gestorben, ihr innigster Wunsch, vor ihrem Hinscheiden ihren Karl noch einmal zu sehen, war ihr nicht erfüllt worden. Stülpnern betrübte diese Nachricht sehr, hing er doch an der Mutter mit großer Liebe; jetzt besuchte er ihren einfachen Grabeshügel und weihte ihr Thränen wahrer kindlicher Liebe.
Nachdem er sich einigermaßen bei den Seinen in Scharfenstein von den überstandenen Strapazen erholt hatte, ging er nach Chemnitz zu seinem Regimente zurück, das nach der Jenaer Schlacht und nach der erklärten Neutralität Sachsens wieder sein Standquartier, leider sehr geschwächt, bezogen hatte; viele von den braven Musketieren waren in der Schlacht geblieben, viele tödlich verwundet worden.
Nach achtzehnjähriger Dienstzeit forderte Stülpner seinen Abschied, der ihm jedoch nicht gewährt wurde, weil man bei dem nahe bevorstehenden Kriege solche tüchtige Scharfschützen und brave Leute nicht entbehren konnte. Stülpner war hierüber sehr unzufrieden, nahm auf sechs Wochen Urlaub in seine Heimat und da man ihm das Versprechen, nach höchstens vierjähriger Dienstzeit nach seiner freiwilligen Stellung ihn wieder zu verabschieden, nicht gehalten hatte, so glaubte er nun auch nicht so pflichtgetreu handeln zu müssen; er desertierte abermals nach Böhmen, wo er sich in der Nähe von Sebastiansberg auf dem St. Christoph Hammer eine Schenke pachtete und seine Familie dahin nachkommen ließ.