Der Major von Einsiedel, der Rittmeister von Zinsky, der Gerichtsverwalter G., der Pächter Philipp, sowie noch mehrere anwesende Gäste sahen, durch das klägliche Geschrei des Gerichtsdieners und durch das kräftige Accompagnement Stülpners aufmerksam gemacht, diese Szene vom Schlosse aus mit an, und alle, mit Ausnahme des Gerichtsdirektors, der das Gesicht ungeheuer dabei verzog, aber seinem treuen Diener keine Hilfe zu senden wagte, teils aus Furcht vor Stülpnern selbst, teils weil er ihn trotz der dringenden Vorstellung des Majors mitgebracht hatte, freuten sich herzlich, daß der wegen seines brutalen, habsüchtigen Benehmens allgemein verhaßte Gerichtsfrohn seine schon längst verdiente Strafe so reichlich hier erhielt.
So endeten denn alle diese Ereignisse, die, obgleich anfangs so drohend und hinsichtlich der angewendeten Mittel so gefahrvoll für Stülpnern erscheinen mußten, zuletzt doch zu seinem Ruhme und bezweckten endlich für ihn noch das Gute, daß er seit der Zeit von seinen Feinden nicht wieder beunruhigt wurde, da sie wohl einsahen, daß Stülpner nicht mit sich spaßen lasse.
Ueberdies verhielt er sich auch in Bezug auf seine frühere Lebensart seinem Versprechen gemäß ruhig und blieb wie zuvor größtenteils bei seiner Mutter in Scharfenstein, wo er ganz sorglos umherging und von da auch oft Ausflüge in die Umgegend machte. So reiste er während dieser Zeit in seinem Jägerkostüme dreimal nach Chemnitz, wo er in der Regel der Wachtparade seines früheren Regiments ganz nahe beiwohnte und jedesmal seinen alten Gönner, den Major von Gundermann, mit besuchte, von welchem er stets reichlich beschenkt (er erhielt bei jedem Besuch vier Laubthaler) und gut bewirtet, wieder schied, ohne in dem so volkreichen Chemnitz, obgleich er von allen erkannt, verfolgt zu werden.
Inzwischen wurde an seiner Begnadigung von seiten des Majors von Einsiedel und des Rittmeisters von Zinsky, wozu sich noch ein dritter Menschenfreund, der Kammerherr von Nostiz gesellte, thätig gearbeitet. Doch obgleich schon sechzehn Bittgesuche nach Dresden an die Regierung deshalb eingesandt worden waren, so schien doch immer das gehoffte Resultat noch nicht zu erfolgen. Endlich wendete sich Stülpner noch mit zwei Bittschreiben an den würdigen Pater Herz, dem damaligen Beichtvater unseres höchstseligen Königs Friedrich August.
Der Pater Herz antwortete Stülpnern eigenhändig wieder, daß er, was in seinen Kräften stünde, gern zur Erleichterung und Begünstigung seines Geschickes thun wolle, nur müsse er erst die dazu günstige Gelegenheit abwarten. Als daher einst bei der damals noch kurfürstlichen Tafel Friedrich August gut gelaunt war, leitete Pater Herz absichtlich das Gespräch auf Stülpnern und bat um dessen Begnadigung. Da sämtliche anwesende hohe Gäste schon im voraus zu Gunsten Stülpners gestimmt, sich ebenfalls mit für ihn verwendeten und besonders hervorhoben, daß Stülpner durch Mangel an Erziehung, durch Unwissenheit und allerlei Umstände zu seiner unerlaubten Lebensart verleitet worden wäre, er aber durchaus kein gefährlicher Mensch sei, sondern die schönsten Beweise von dem Gegenteil an den Tag gelegt habe, so konnte der stets wahrhaft großmütige und nachsichtsvolle Fürst diesen Bitten nicht länger mehr widerstehen und gab sogleich nach aufgehobener Tafel Befehl, den über Stülpnern geschleuderten Bannfluch aufzuheben.
Wie öffentlich Stülpner früher für vogelfrei erklärt worden war, ebenso öffentlich wurde er aufgefordert, daß er bei einer freiwilligen Rückkehr zu seinem Regimente als Wilddieb nicht weiter bestraft werden solle.
Welche Freude für den Geächteten, als er sich von der Wahrheit dieser Versicherung überzeugen durfte. Ihm war, als wenn sich eine drückende Last von ihm gewälzt, als wenn Sklavenketten seinen Gliedern entfallen wären, da er frei wieder in sein Vaterland zu seinen Verwandten und Freunden zurückkehren durfte.
Ungesäumt verließ Stülpner jetzt die Wohnung seiner Mutter, wo er sich seit der neuen Gestaltung seines Schicksales aufgehalten hatte und eilte in das Stabsquartier seines Regiments, um sich als freiwillig zurückkehrender Deserteur zu melden. Daselbst angelangt, trat er, ohne irgend eine Strafe weiter zu erhalten, wieder in die Reihe seiner Musketiere ein. Mit Eifer und musterhafter Ordnungsliebe unterzog er sich der ihm obliegenden Pflichten und gewann durch ein bescheidenes und stilles Betragen in kurzer Zeit das Vertrauen und Wohlwollen seiner Vorgesetzten, sowie die Liebe seiner Kameraden wieder.
Im gesellschaftlichen Umgange war er zurückhaltend und einsilbig, denn er bemerkte nur zu oft, daß er der Gegenstand der Neugierde war und schlich sich öfters aus der Gesellschaft fort, die um seinetwillen sich versammelt hatte.
Er selbst schwieg stets von seinen Thaten, ob sie doch gleich so viel Aufsehen erregt hatten und nur von seinen Oberen aufgefordert, brachte er es über sich, davon zu erzählen. Weder prahlend noch furchtsam sprach er dann, aber offen und wahr, und gab über manche vorher unbegreifliche Dinge Aufschluß. Vergeblich versuchte man von ihm etwas von seinen Mitschuldigen und den Abnehmern seiner Beute zu erfahren, worüber er stets die größte Verschwiegenheit bewahrte und gewöhnlich mit den Worten das Gespräch abbrach: »Ich habe sie nicht gekannt,« oder: »Ich will und werde sie nicht nennen.«