An einem Dezembertage beging er wieder im Auftrag eines Vorgesetzten sein Revier (er pflegte nämlich jedes Revier, wo er immer auch jagte, als das seinige zu bezeichnen), als er zufällig auf Scharfensteiner Flur mit dem Burschen des Zschopauer Oberforstmeisters, Ziegler mit Namen, zusammentraf. Längst hatte Ziegler geprahlt, er müsse den Wilderer Stülpner in seine Gewalt bekommen, wenn er ihn erblicke und wäre er auch in einer Entfernung von zwei Stunden. Der kühne Jägerbursche wollte sogleich Hand an ihn legen, doch in einem Augenblick hatte ihn Stülpner, obgleich Ziegler kopfslänger war, entwaffnet und schlug ihn so lange mit dem entrissenen Gewehr, bis dasselbe in Stücke zersprang, außerdem drohte er noch, ihn zu erschießen. Nur auf das Flehen und auf das Versprechen hin, den Vorfall nicht weiter zu erzählen, gab Stülpner, welcher Zivilkleidung trug, ihn frei.

Ziegler hielt sein Versprechen schlecht, denn kaum waren drei Tage vergangen, als Stülpner plötzlich von einem Unteroffizier und einem Gemeinen bei seiner Mutter abgeholt und nach Zschopau auf die Hauptwache in Arrest gebracht wurde. Am andern Tage fand das Verhör statt, Stülpner wurde mit dem Jägerburschen konfrontiert und auf die Aeußerung des letzteren, in Stülpner denjenigen zu erkennen, der ihn neulich so jämmerlich durchgebläut hätte, geschlossen und Neujahr 1784 in das Stabsquartier zu Chemnitz abgeliefert.

Zweiunddreißig Wochen saß hier Stülpner auf der Hauptwache in strenger Verwahrung, während dieser Zeit zweiundzwanzig Mal verhört, ohne etwas von dem ihm angeschuldigten Verbrechen zu gestehen. Selbst dann, als man ihm Milderung seiner Strafe zusicherte, wenn er freiwillig die Abnehmer seiner erlegten Beute, sowie seine Teilnehmer nennen würde, konnte man kein Geständnis von ihm erlangen.

Im Laufe des Sommers wurde die ganze sächsische Armee in ein Exerzierlager bei Mühlberg zusammengezogen. Auch das Regiment Prinz Maximilian brach dahin auf und Stülpner, den man nicht eines groben Verbrechens beschuldigte und darum nicht während der Zeit in der Chemnitzer Frohnfeste zurücklassen wollte, wurde als Gefangener mit in das Lager abgeführt.

Wohlbewacht und mit Ketten belastet folgte Stülpner auf einem Wagen seinen fröhlichen Kameraden, die aufrichtig sein hartes Geschick bedauerten. Nur die frische Luft, die er so lange entbehrt hatte und die Hoffnung, während des Manövers Gelegenheit zu finden, seine Freiheit durch die Flucht sich zu verschaffen, ließen ihn sein hartes Los zeitweilig vergessen. Dazu wurde er während des Feldlagers von einer schönen Handlung auf das freudigste überrascht.

Das gesamte Offizierkorps war bei einem fröhlichen Frühstück vereinigt und man kam im Laufe des Gespräches auf Stülpners herbes Geschick zu sprechen, wohl mancher unter ihnen mochte fühlen, daß er selbst allerdings ohne Willen zu dieser beklagenswerten Wendung des Geschickes unseres Gefangenen beigetragen habe. Sofort beschloß man, eine Sammlung für ihn zu veranstalten, dieselbe ergab einen Betrag von 20 Thalern, die Stülpnern augenblicklich eingehändigt wurden. Derselbe fand vor Rührung kaum Worte um seinen Vorgesetzten für ihre hochherzige Teilnahme zu danken.

Das Manöver war beendet, die Regimenter zogen wieder in ihre Garnisonen und noch hatte Stülpner keine Gelegenheit gefunden, seine Fesseln zu brechen.

Auf dem Marsche hielt das Regiment Prinz Maximilian in dem Dorfe Simselwitz bei Döbeln einen Rasttag, es war gerade am Johannisfeste. Stülpner hatte sich bei der Ankunft im Dorfe genau von der Lage seines Gewahrsams orientiert, die Mannschaften waren zur Wachtparade versammelt, der Gefangene ging unter dem Vorwand ein Bedürfnis zu befriedigen mit der sorglosen Wache in den Hof und übersprang mit festangezogener Kette die das Haus umgebende Mauer; ehe sich die Wache von ihrem Erstaunen erholte, befand sich Stülpner schon außerhalb der Schußweite. Eine Stunde weit eilte der Befreite so schnell er nur konnte fort und verbarg sich in einem großen Gewände Korn, wo er mit einer aus Vorsicht mitgenommenen Messergabel sich seiner Kette entledigte.

Kaum war Stülpners Flucht bekannt, so wurde auch Alarm geblasen und die Mannschaft aufgeboten, den Flüchtling wieder zu ergreifen. Ein furchtbares Gewitter entlud sich und begünstigte Stülpners Flucht, außerdem mag die Verfolgung nicht so eifrig betrieben worden sein, am Ende gönnte wohl ein Jeder dem Flüchtigen seine Rettung.