Bis zum Einbruch der Nacht hielt sich Stülpner in seinem Versteck verborgen, trat dann seine Heimreise an und gelangte nach drei Tagen auf Umwegen in seine Heimat. Es war abends 10 Uhr, sein altes Mütterchen saß im Sorgenstuhl, hatte das Gebetbuch aufgeschlagen und las bei mattem Lampenschimmer den Abendsegen, gewiß hat sie in ihr Gebet ihren unglücklichen Karl eingeschlossen. Da pocht es plötzlich am Fensterladen, eine wohlbekannte Stimme ruft: »Mutter, macht auf!« Das Gebetbuch entsinkt der Alten, schwankenden Schritts naht sie der Hausthür, die flackernde Oellampe in der Hand. Sie öffnet, fährt aber erschrocken wieder zurück, denn der langersehnte Sohn tritt mit blutigem Gesicht und blutenden Händen in zerrissene Kleider gehüllt ihr entgegen.
Aus Furcht entdeckt zu werden, hatte Stülpner die einsamsten Wege gewählt, war auch in keiner menschlichen Wohnung eingekehrt, er hatte während der Zeit sich von Feldfrüchten genährt. Nachdem er seinen großen Hunger und Durst so gut als möglich gestillt, warf er seine ermatteten Glieder auf die Ofenbank, um einige Stunden von den Beschwerden seiner Flucht auszuruhen; doch kaum graute der Morgen, als er sich wieder von seinem Lager erhob, seine Mutter weckte und ihr die Hälfte von der für ihn gesammelten Kollekte einhändigte. Darauf vertauschte er die abgerissenen und zerfetzten Ueberbleibsel seiner Montur mit andern früher daselbst zurückgelassenen Zivilkleidern, und trennte sich ohne seiner Mutter den Plan seiner nun zu beginnenden Laufbahn mitzuteilen, jedoch mit der Bitte und dem Versprechen, daß sie künftig nur unbesorgt um ihn sein solle, wo er auch weile, wolle er nach Kräften für sie sorgen.
Vorläufig bot ihm Sachsen kein sicheres Asyl, er wanderte noch denselben Tag nach Böhmen, wo er sich nach dem Dorfe Grünau, eine Stunde unter Sebastiansberg, wandte und daselbst in dem an der Landstraße befindlichen Gasthofe als Hausknecht verdingte.
Nach zweijähriger Thätigkeit kam er durch die Verwendung eines Gutsbesitzers dieser Gegend, der sein gutes Schützentalent hatte kennen lernen, nach Heinrichsgrün in die Dienste des Grafen von Nostiz, wo er einem alten Förster als Forstadjunkt mit einem monatlichen Gehalt von 6 Thalern beigegeben wurde und daselbst drei Jahre unter treuer Erfüllung der ihm auferlegten Pflichten verweilte. Einst kam Graf Weßlini aus Ungarn zu Besuch; ihm zu Ehren wurden mehrere Jagden veranstaltet, wobei der Gast den trefflichen Schützen Stülpner kennen lernte, er gewann ihn lieb und wünschte ihn in seine Dienste zu nehmen, indem er ihm das schöne Gehalt von 300 Gulden jährlich bot.
Stülpner zögerte nicht, von diesem vorteilhaften Anerbieten Gebrauch zu machen und wanderte kurz darauf mit seinem neuen Herrn nach Ungarn, der jenseit der Theiß bei der Stadt Debreczin seine Güter hatte.
Trotz des herrlichen Tokayers wollte es Stülpner in Ungarn nicht behagen, er konnte sich mit der anderen Dienerschaft des Grafen nicht gut vertragen, sie sah als Katholiken in ihm immer den Ketzer, was sich Stülpner nicht gefallen ließ, und wenn er mit Worten seine Gegner nicht mehr besänftigen konnte, dann zum Faustkampf seine Zuflucht nahm, wo es dann gerade nicht zärtlich herging.
Nach Verlauf von 10 Monaten nahm er wieder seinen Abschied und wanderte in die Welt hinaus. Zuerst begab er sich wieder über Wien nach Böhmen, dann nach Bayern und Unterösterreich, bereiste darauf Tirol, wo er in Innsbruck mit mehreren Grenzjägern zusammengeriet und in einer derben Schlägerei zwar den Sieg davon trug, aber dafür 8 Tage lang als Arrestant bei Wasser und Brot büßen mußte. Von Tirol wandte er sich nach der Schweiz, von da über Baden und Hessen nach Hannover.
Als er in dem letzteren Lande bei der Stadt Osterode ein Dragonerregiment exerzieren sah, welches sich vorzüglich durch seine schönen Pferde und durch seine Uniformierung auszeichnete, so wurde er durch den herrlichen Anblick und die schöne Haltung der dahinjagenden Reiter so sehr bezaubert, daß er sich aus Liebe zu seinem früheren Soldatenleben sogleich bei dem Regimentschef als Dragoner anwerben ließ.
Nachdem er daselbst zur Zufriedenheit seiner Oberen ein Jahr und vier Monate als Dragoner gedient hatte, ließ ihm sein reger Geist auch hier keine Ruhe und Rast mehr, er entfloh deshalb einst bei Nacht und Nebel mit Pferd, Sattel und Zeug bis nach Hof, wo er sein Pferd mit allem zusammen für 100 Thaler verkaufte und sich für einen Teil dieses daraus gelösten Geldes wieder als schmucker Jäger umkleidete. Hierauf kehrte er nach einer Abwesenheit von beinahe acht Jahren, in der Meinung, man habe während dieser langen Zeit seine Desertion vergessen, wieder in seine Heimat zurück.