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Dreiundzwanzig Jahre hat der Nachbar Witkuhn auf die Erdme gewartet.

Und nun sie da ist, ist er ein alter Mann.

Er sitzt und sieht sie an und sieht sie wieder und wieder an. Sie ist die Schönste, die Jüngste, die Kräftigste geblieben, aber er ist ein alter Mann.

Ihre Töchter läßt er lachen und laufen und schwatzen, wie sie nur mögen, und achtet ihrer nicht. Sie sind ihm wie zwei fremde Tiere, die die Erdme mitgebracht hat und denen er Obdach geben muß, weil sie nun einmal zu ihr gehören. Und die Jette wirtschaftet draußen mit seiner Magd.

Die Urte und die Katrike haben gestern Großes erlebt, und das erzählen sie immer von neuem: Kaum daß der junge Herr Schmidt sie gesehen hat, da ist er gleich ganz hingenommen gewesen. Zuerst hat er freilich gedacht, die Urte sei ihm als Zukünftige bestimmt, und da hat er sich zurückziehen wollen, denn er ist sich nicht gut genug erschienen für sie; wie er aber gehört hat, daß die Katrike es ist, da hat er um so freudiger zugegriffen und hat mit ihnen beiden und dem Herrn Tuleweit in der „Germania“ gesessen bis in den späten Nachmittag. Herr Tuleweit weiß auch schon eine Wirtschaft für ihn, die mit Fünftausend Anzahlung wohl zu haben wäre, nur das Viehzeug müßte beschafft werden, denn sein Vater gibt ihm rein gar nichts.

Wie vom Viehzeug die Rede ist, da horcht die Erdme hoch auf, denn von ihrem Eigenen her kommt kläglich das Brüllen der Kühe, die nicht gemolken, vielleicht auch nicht gefuttert sind in der Frühe.

Darum sagt sie der Jette, sie soll mit einem Eimer hinübergehen. Die wehrt sich erst, denn sie glaubt, sie kriegt Prügel, aber schließlich tut sie’s doch, und wie sie zurückkommt, erzählt sie, der Wirt habe auf der Häckselbank gesessen, den Kopf in die Hände gestützt, und die Petruschka vor ihm, und keines habe sich auch nur nach ihr umgesehen.

Und die Urte erzählt weiter: Um drei nachmittags habe der junge Herr Schmidt weggemußt, aber am Nebentisch — da hätten ein paar vornehme junge Herren gesessen mit Schmissen und goldenen Kneifern, die wären schon lange bemüht gewesen, sich mit ihnen bekannt zu machen, und hätten ihr zugeprostet und so. Und schließlich wären sie alle zueinander gerückt und hätten fröhlich getrunken bis an den Abend. Den kleinen Herrn Tuleweit hätten die fremden Herren erst für den Vater gehalten; als sie aber hörten, daß er bloß ein Heiratsvermittler sei, da wäre des Neckens kein Ende gewesen, so daß er nichts Besseres zu tun gewußt habe, als bald zu verschwinden. Und von nun an sei es erst recht hoch hergegangen.

Und sie kichern und blinzen sich zu und kommen mit Heimlichtun nicht zu Ende.