Die Hofrätin sah von ihrem Strickzeug auf:

»O Herrjegerle, ich glaub' gar, du heulsch, Kreisrätin – horch, ich geb' dir ein guter Rat – laß es lieber bleibe, ich glaub', 's isch wieder mit der ganze Sterberei nix. Der Doktor isch e alte Kuh – dreimal hat er mich schon aufgebe und mei ganzer Haushalt in Unordnung versetzt. Ich hab' gute Luscht und mach' ein neuer Pakt. Geh, hol mir au ein Glas Wein, Nannele – So –«

Sie trank's mit einem Zug leer. Alsdann wendete sie sich gegen die Wand, schlief ein und schnarchte sogar. Mutter und ich blieben halb ängstlich, halb vergnügt am Bett sitzen.

Als der Doktor kam, warf er einen raschen Blick auf die Hofrätin, dann noch einen, schüttelte den Kopf und brach in lautes Lachen aus.

Sie erwachte.

»So,« sagte sie, »au noch lache, wenn einer nix kann – Ihne sterb' ich wieder!«

Darauf sind Mutter und ich so heiter nach Haus gekommen, als kämen wir von einer Hochzeit.


28. 7. Trotz aller Vorsätze, ich habe keine Freude an mir. Meine Fortschritte im Guten sind nur winzig; meine Opfer – z. B. Küchenarbeit – werden nur zögernd vollbracht, der unsagbar großen Freude am Lesen zuweilen, wenn auch nur auf Minuten, heimlich nachgegeben. Meine Weichlichkeit hat mich noch nicht verlassen. Mein Hingeben an die Phantasie und mein behagliches Schwimmen in ihr, besonders nach dem Erwachen, bevor ich aufstehe, hat mir schon manche Stunde geraubt, in der ich rüstig etwas Nützliches hätte tun können. Oh, warum ist man auch beim Erwachen so dumm! Oder bin ich's nur? Ich sagte mir schon beim Einschlafen: morgen will ich früh aufstehen, auf Ehre! Hätte mich die Übertretung ehrlos gemacht, wie oft wäre ich's schon gewesen. Ich nahm mir vor, beim Erwachen ein mahnendes Wort, das arge Wort Schande zu sagen, überzeugt, daß mich das plötzlich aufrütteln würde. Ich erwachte, sagte richtig Schande, Schande, kehrte mich um und überließ mich von neuem meinen Träumereien.