20. 7. Heute sagte Mutter: »Ich will am Nachmittag nach der Hofrätin sehen, sie war schon so lang' nicht da. Ich hab' mir's überlegt, ihr Leine ist wirklich schöner als meins. So will ich's denn mit ihr besprechen, und 's mit ihrem Weber versuchen.«
Wir waren gerad' mit dem Mittagsmahl fertig, als die Magd von der Hofrätin eintrat und heulend ausrichtete: »Eine schöne Empfehlung und Sie solle gleich komme, Frau Kreisrätin, d' Frau Hofrätin will sterbe.«
»Daß sie's will, glaub' ich meiner Lebtag nicht«, sagte Mutter, indem sie mit zitternden Händen ihren Hut aufsetzte. Ich half ihr beim Anziehen, und obwohl sie sagte: »Bleib du nur daheim« – ließ ich sie nicht allein gehen.
Als wir bei der Hofrätin eintraten, saß der geistliche Rat am Krankenbett, so daß wir gleich wieder umkehren wollten. Aber die Hofrätin rief mitten aus dem Beten heraus: »Nur bleibe, nur bleibe, bin glei fertig –« sprach ein kräftiges Amen und schickte den Geistlichen hinaus zur Magd, sie zu zanken, daß sie das Garn noch nicht zum Weber und das Tuch nicht auf die Bleiche getan.
»Sage Sie's ihr nur recht, Hochwürde – hinsitze und heule isch der größt' Zeitverlust – d' Kreisrätin bleibt bei mir, bis ich mei letzter Seufzer tu, wenn's Gott's Wille isch – auf alle Fäll' aber muß vorher Ordnung in mei'm Sach sein, eh' ich ins Jenseits geh' –«
Der Geistliche ging, und Mutter und ich setzten uns zur Hofrätin ans Bett. Das Herz klopfte mir, Mutter liefen die Tränen über die Wangen. Zu den beiden Fenstern schien die Sonne herein.
»Schön's Wetterle,« sagte die Hofrätin, »geh, lang mir au mei Stricket, Nannele, bin grad' am Ferse – und lupf mich ein weng.« Ich tat's, und sie begann eifrig zu stricken.
»Wirsch endlich zugebe, Kreisrätin, daß dein Weber mei'm Weber nit's Wasser reicht?«
»Ach ja, ja«, preßte die Mutter hervor.