Ja, das ist gut sagen; erst jetzt, fast vier Wochen nach unseres guten Vaters Tod, bin ich einigermaßen imstande, meinen Pflichten wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Bisher tat ich, was ich mußte, ohne selbst irgendwelchen Anteil daran zu nehmen. Da fiel mir einmal in der Nacht ein, welch schlimme Folgen jener teilnahmlose Zustand damals nach Mutters Tod für meinen Beruf hatte, und daß ich gewiß viel vernachlässigte, was nicht wieder gutzumachen war. Denn hätte ich meinen Zöglingen Liebe statt Gleichgültigkeit geschenkt, wer weiß, ob nicht vieles besser geworden wäre. Die Kinder waren nicht böse, nur sehr verwöhnt.

So habe ich mich denn aufgerafft und bitte Dich, meinen verzweifelten Brief nach Vaters Tod nicht aufzubewahren wie die andern, sondern der Vernichtung preiszugeben.

Ich bin ja auch nun über Theresens Los beruhigter, seit ich weiß, wie liebevoll Freunde und Verwandte sich ihrer angenommen. Unsere Therese hat förmlich das Geriß. Frau von Schönau, Baurittels, Fromherzens, alle boten ihr eine Heimat an. Daß Therese vorzog, beim Onkel in Säckingen ihre Zuflucht zu suchen, ist mir eine ganz besondere Erleichterung. Die Stiftsmüllerin ist leidend und Burgele kaum imstande, mit der Pflege und dem großen Haushalt allein fertig zu werden. Da ist Therese recht am Platz, und ihrer vornehmen Seele wird das Bewußtsein, mehr zu geben als zu empfangen, eine stille Genugtuung sein.

Daß Hermann nun sein Auskommen hat als Referendär in Waldkirch, ist auch ein Lichtstrahl. So wollen wir denn zufrieden sein und dankbar. Das Leben geht weiter, und wir müssen mit …


Ich will diesen Brief nicht abschicken, ohne noch eine liebe kleine Episode mitzuteilen, weil ich weiß, daß ich Dir damit eine Freude mache. Das Erscheinen des kleinen Rudi des Morgens im Hof ist nämlich ein Ereignis fürs ganze Haus. Sofort sind alle Mägde an den Küchenfenstern, sobald Rudis helles Stimmchen ertönt. Niemand kümmert sich um den dicken, kleinen Günther auf dem Arm der Bonne, Rudi ist der erkorene Liebling aller. Die Hunde stürmen ihm entgegen und werfen ihn auch gewöhnlich um.

»Ihr Sakra«, schreit der große Stallknecht und eilt herbei.

»I bitt, nicht schlagen, Sixtl,« fleht ihn Rudi an, »schau, sie können nichts dafür. Und gelt, Sixtl, i bitt, heb mich zur Köchin hinauf, ich muß ihr ein Handerl geben.«

Bis zur letzten Küchemagd, alle kriegen eines, und sie jubeln dem Kleinen zu, den der Sixtl hoch hält, und die Hunde streben an ihm hinauf, die Eltern stehen am Fenster, Clothilde und ich, und es ist ein Rufen, Winken, die Bonne will ihn weiter zerren, er fleht: »I bitt, laß mich allen guten Morgen sagen« und wirft Kußhändchen nach rechts und links. Und plötzlich steht der Baron unten und nimmt ihn auf den Arm und küßt und herzt ihn und fängt an zu schelten:

»So ein dummer Bub das – immer ›i bitt, i bitt‹ – den Soldat möcht ich sehen, den der Rudi abgibt. Was wird er zum Pferdl sagen: i bitt, i bitt. Wird's Pferdel gehorchen? 's wird grasen und geht nicht vom Fleck, 's wird denken, du bittst mir lang, ich lach dich aus. – So einen dummen Buben hab ich.«