Er betrachtete den Kleinen, dann fragte er: »Was haben Sie getan?«
Ich sagte: »Er war am Ersticken, da goß ich ihm das Öl des Nachtlichtes in den Mund.«
»Das hat ihn gerettet.«
Aber es zeigte sich keine Freude. Der Baron und die Baronin standen, sich bei den Händen haltend, unter der Türe, bleich beide bis in die Lippen.
Draußen hörte ich Clothilde weinen, herzbrechend – »Rudi, Rudi« –
»Rudi«, tönte es durchs Haus.
Da wußte ich – er war nicht mehr.
J…, 14. Februar 1840.
Du hast mir wohlgetan, liebe Caton. Du tust immer wohl. Du hast so viel von der seligen Mutter. Ich bin fast ein wenig krank gewesen nach den tiefen Gemütsbewegungen in der letzten Zeit, da hat es mich recht erfrischt, als Deine kleine Predigt kam, mit der Behauptung, daß ich meine Kräfte für eine schöne, erfreuliche Zukunft aufzubewahren habe und sie nicht ganz für Fremde hingeben dürfe. Aber mir sind die Menschen, mit denen ich lebe, liebe Caton, nicht fremd, trotz der großen Verschiedenheit unserer Lebensanschauungen. Darum sind sie doch liebenswert. Auch habe ich viel bei ihnen gelernt. Denn seitdem ich mich frei in der gegebenen Form zu bewegen weiß und den letzten Rest kindischer Ehrfurcht vor diesen Äußerlichkeiten abgestreift habe, bin ich viel freier und sicherer in meinem Auftreten. So wird das Errungene gewiß auch meiner ferneren Laufbahn zugute kommen. Ich fühle immer mehr, wie dankbar wir unseren Eltern zu sein haben für den Geist der Freiheit und Duldung, den sie uns anerzogen. Das ist die Hauptsache, das übrige läßt sich lernen. Die Gegensätze in dieser Welt sind gewiß nicht durch Unduldsamkeit zu unterdrücken. Da fällt mir der kleine Rudi ein. Ich sah einmal, wie er die große, harte Faust des Stallknechtes Sixtus küßte. Der Mann grinste vor Verlegenheit, lachte verschämt und sagte, indem er mir die Faust hinstreckte: »Küßt hat er's – er hat's küßt.« – Beim Begräbnis unseres Lieblings mußte sich der starke, gewaltige Sixtus mit seinem Schmerz hinter die Friedhofsmauer flüchten, weil er zu laut war.