Du fragst, ob der Baron und die Baronin mir Dank wüßten, weil ich nach Ausspruch des Arztes dem kleinen Günther das Leben gerettet. Ob sie jetzt ganz anders seien? – Aber Caton, aus Dankbarkeit seine Natur ändern, das wäre doch ein wenig zu viel verlangt. Es geht alles anscheinend seinen gewöhnlichen Gang weiter, und doch scheint mir in der Tiefe alles anders geworden zu sein. Der Sonnenschein fehlt. Man vermißt ihn auf allen Gesichtern. Wenn ich mich früher bemüht habe, der Tränen um den guten Vater Herr zu werden, jetzt werden verweinte Augen kaum mehr bemerkt, denn wer hat nicht geweint in den langen Nachtstunden?
Auch an meinem Zögling ist Rudis Tod nicht spurlos vorübergegangen. Es hat seitdem keine Szenen mehr in den Lehrstunden gegeben. Sie hört wenigstens zu jetzt, wenn der Gegenstand sie auch nicht interessiert. Neulich feierte sie ihren dreizehnten Geburtstag. Die Geschenke hatten kaum Platz auf dem großen Tisch inmitten ihres Zimmers. Im Hof wurde ihr ein neues Pferd vorgeführt, prächtig aufgezäumt, ein kleiner Korbwagen stand dabei.
Weißt Du noch, Caton, wir pflegten vor Rührung zu weinen, wenn wir eine Merinoschürze und ein schönes Buch bekamen.
Clothilde sah sich ihre Geschenke ruhigen Blickes an und sagte dann mit einem Seufzer:
»Jetzt ist's aus mit dem Elferl.« –
Ich wußte nicht recht, was sie damit meinte, aber dann sah ich mit einem Mal, daß irgend etwas an ihrem Wesen anders war. Ja, sie erinnerte mich plötzlich an ihre Mutter, ich weiß nicht recht inwiefern, aber ich konnte sie mir, was ich früher nicht gekonnt hätte, mit einem Mal als eine Gutsherrin vorstellen – so wie ihre Mutter eine ist. Sie hat mir nie von ihrem Schmerz um Rudi gesprochen, aber sie schleppt den ganzen Tag das Rudi-Hündchen herum, das auch in der Nacht in ihrem Zimmer schlafen muß.
Wenn ich auch nicht imstande war und bin, aus Clothilden das zu machen, was ich gewünscht hätte, so geht es allmählich mit dem Hannerl so prächtig vorwärts, daß ich eine wirkliche Freude an diesem Kinde haben kann. Hier ist Entwicklungsfähigkeit in hohem Grade, nach einem langsamen, geistigen Erwachen. Clothilde war von Anfang an fertig. –
Ich muß Dir noch sagen, daß ich einen Brief aus Nancy bekommen habe. Marie hat sich verlobt, und Mutter und Tochter beschwören mich auf das liebevollste, im Sommer zur Hochzeit zu kommen. Das hat mich wirklich gerührt. –