Nun liegt der Brief schon acht Tage, und Du wirst mich der Schreibfaulheit zeihen, liebe Caton. Es kam so. Der Baron hat mich inständig gebeten, mich malen zu dürfen. Als er mit dem Bilde des kleinen Rudi fertig war, überkam ihn in seiner Untätigkeit von neuem die Verzweiflung, und die Baronin, die ihren Schmerz wie eine Heldin trägt, brachte ihren Mann auf den Gedanken, mich zu malen.

Nun ist er ganz eifrig dabei. Ich legte sogar für das Bild auf seine Bitte die Trauer ab und trage mein altes Blaues mit einem weißen Kragen.

Die Schülerinnen haben während des Malens ihre französische Konversationsstunde. Dem Baron ist das recht, besonders da ich mich dabei wenig rühre und hauptsächlich lausche.

Therese führt wieder einmal Klage, daß Schwester Caton nicht schreibt. Da muß ich ja ein wenig schelten. Sonst, Du kennst sie ja, klagt sie über nichts, aber ich lese ihr großes Heimweh aus jeder Zeile, aus jedem Wort, das sie schreibt. Eigentlich spricht sie nie von Säckingen, sondern immer nur von Freiburg – von ihrem lieben, guten, himmlischen Freiburgle. –

Von eben diesem Freiburgle schreibt mir Lenchen, es sei die langweiligste Stadt geworden auf der Welt, und ich würde mich kurios wundern, wenn ich wiederkäme – 's sei alles wie verschlafe, seit 's Villingers nimmer in Oberlinden wohnten mit ihrer Gastfreundschaft und ihrem Humor und den netten Herrle alleweil. – Und sie hätten jetzt 's Dortel – Dortel – und alle Abend säßen sie beisammen in der Küch und heulten über die vergangenen Zeiten, und's Dortel blieb dabei: »I sterb nit, ehnd i unsri Kinder nit noch emal g'sehe – und wenn i 's verzwinge müßt von unserm Herrgott.« –


J…, den 12. April 1840.

Caton, Caton, ach mir ist wie im Traum – vor mir liegt ein Schreiben – schwarz auf weiß steht in deutlichen Buchstaben, die Stelle der Vorsteherin der Rastatter höheren Töchterschule sei vakant, ob es mir beliebe, sie anzunehmen.

Erst habe ich müssen einen Gang durch den Park machen, so haben meine Hände gezittert und hat mein Herz gejubelt und doch auch wieder geblutet – ach, daß die Eltern es nicht erlebt – alle Kinder versorgt, alle eine Heimat. – So viel des Glücks – kaum zu fassen …