Die beiden, bisher hinter Schloß und Riegel liegenden Wohnräume sind weit geöffnet, und die Sonne durchwärmt die nicht länger kahl und leer stehenden Zimmer, die wir, einem seligen Vogelpärle gleich, zum behaglichsten Nestle einrichten, und es ist wundernett, wie oft Therese und ich unter der Türe zusammenstoßen mit irgendeinem Gegenstand, weil wir immer wieder etwas finden, das unserm Schwesterle zur Fremde dienen soll. Und dann lachen wir. Und weißt Du, wer mitlacht und alles Fehlende an Möbeln und Teppichen und Sonstigem herbeischleppt, daß wir uns nur wehren müssen, aber ohne Erfolg? – 's Fraule, Caton, das liebe, herzige Fraule! – Und wie gut kommt uns ihre Hilfe, denn wir müssen gleich beide Zimmer einrichten, da auch Hermann nicht erwarten kann, die langentbehrte Schwester zu begrüßen.
»Sag, Tante Anna, spreche am End' deine Neffe Hochdeutsch?« fragte gestern der Älteste vom Fraule. Und als ich nickte: »Das werden sie wohl« – erklärte er: »Dann prügeln wir sie so lang, bis sie's nimmer tun.«
Ich stifte jetzt schon Frieden.
O Caton, mit der Briefschreiberei hat's nun ein Ende.
Du große Güte Gottes – ein Wiedersehen, ein Beieinandersitzen und wieder ganz jung werden. Mutter würde sagen: »Du Närrle.« – Und so ist mir auch, ich muß, bevor ich in die Klasse trete, meinem Gesicht erst den nötigen Ernst geben; ich muß mich selber ganz fest in die Hand nehmen und die Grammatik dazu, denn ich möchte am liebsten den Kindern sagen: »Denkt euch, Caton kommt – und Caton ist wie die Sonne, die alles lebendig macht – und – und – und – kurzum.«
Therese läßt Dir sagen, Du sollst Dir wegen der Sommertoiletten keine grauen Haare wachsen lassen. Wir haben nämlich durch Lenchen – Du, wie sich Lenchen freut – also durch sie Gelegenheit, aus einem bescheidenen Geschäft in Baden die schönsten Stoffe zu bekommen, zum billigsten Preis. So wartet Deiner ein gelblich-brauner Barege; der Rock ist schon fertig, sehr weit, die Erde berührend; aber ob Du noch eine Wespentaille hast, das ist ein wenig die Frage, und darum kann die Taille erst bei Deinem Hiersein fertiggemacht werden. Die Mantille aus Mutters achteckigem Schal liegt, wie Du weißt, schon bereit. Du wirst staunen über Theresens Meisterwerk. –
Wir werden überhaupt staunen, uns ältlich wiederzufinden, nachdem wir uns zuletzt jung und blühend in die Augen geschaut. Aber haben wir nicht auch gewonnen an Lebenseinsicht und Herzensreife, und werden es nicht einzig schöne Tage und Abende sein, an denen wir einander von neuem kennenlernen?
O Caton, und wenn wir Arm in Arm durchs Schloß schreiten – denn ich hab' es ganz in Besitz genommen, kenne Weg und Steg, verkehre im Geiste mit seinen Fürsten und Fürstinnen; und was einst ihnen gehörte, gehört jetzt mir, dem Habenichtsle, aus keinem andern Grund, als weil ich lebe und mich von ganzer Seele an dieser Herrlichkeit erfreue.