Ach, der Mensch ist doch so ohnmächtig, denn wenn sich meine Augen freuen, wie soll ich das wissen und bemeistern können?

Und warum nicht viele Menschen liebhaben, warum nicht neue Freundinnen neben den alten gewinnen dürfen? Liebt nicht auch eine Mutter alle ihre Kinder und wenn sie noch so viele hat? Als unser geliebter Xaver starb, war Mutters Schmerz so tief und gewaltig, als habe sie mit diesem einen Kind ihr einziges verloren. Als Hermann, unser Benjamin, in schwerer Krankheit lag, war's da anders? Und hielt sie nicht Caton in der Trennungsstunde so fest in den Armen, als könne sie von diesem Kind nimmer lassen?

Wenn Mutter Theresens Schultern klopft, sagt sie nicht: meine Beste, meine Brävste? Und wenn ich leide in der Nacht und Mutter kommt, bin ich da nicht ihr geliebtestes einziges Kind? Nein, ich verschließe mein Herz nicht, und ich kann es nicht verschließen, weil mich alles Große, Gute, Herrliche, weil jede Vortrefflichkeit mich mit unendlicher Bewunderung erfüllt.

Und was ich mir schon so oft vorgenommen, diesmal halte ich's: Mit der Freundschaft für Karoline ist es zu Ende.

Im Hause ist Freude und Glückseligkeit. Immer von neuem fließen die Tränen – Freude- und Dankestränen gegen Gott – Caton, unsere heißgeliebte Caton hat einen Sohn! Schön und bedeutungsvoll ist der Geburtstag des jungen Weltbürgers. Er kam am Tage der unschuldigen Kindlein zur Welt.


4. 4. Wir sind unendlich glücklich in unserer neuen Wohnung in Oberlinden. Es sind eigentlich zwei Wohnungen, eine rechts und eine links. Vater wohnt in der einen mit Hermann und den Studentlein, Mutter, wir Mädchen und zwei junge Pensionärinnen schlafen auf der andern Seite. Lorchen und Annele sind Waisen, reiche Wirtstöchter aus Heitersheim, die bei uns Schliff lernen sollen und Französisch. Wie fühle ich mich mit einem Male so wichtig und innerlich zufrieden in meiner neuen Stellung als Respekt einflößende Lehrerin, denn auch unsern jungen Franzosen unterrichte ich in der deutschen Sprache. Er macht mir mehr Vergnügen als unsere unendlich schwer kapierenden Landpommeränzle. De Ber fragte mich gleich in der ersten Stunde: »Wie heißt je vous aime?« Ich sagte ihm: »Ich verehre Sie.« Nun verehrte er mich alle zehn Minuten, und bei Tisch ging die Verehrung erst recht los. Alles, was ihm schmeckte, verehrte er. Wir kamen aus dem Lachen nicht heraus.

Auch die andern jungen Leute sind nett und bescheiden, ganz anders als welche, die wir schon hatten, die die größten Ansprüche auf Bildung machten oder überbildet waren und abgeschmackt blumig in ihren Reden. Wie unbehaglich fühlten wir uns in solcher Gesellschaft, wie fürchteten wir uns vor ihrer Wortdeuterei und Scharfrichterei. Jetzt fürchte ich mich nicht mehr, ich hatte sogar die Kühnheit, meine ganze Familie an Kühnheit zu überbieten. Die Eltern konnten sich nicht überwinden, den jungen Akademikern zu sagen, daß sie mit sauberen Händen zu Tisch kommen möchten. Da entdeckte ich eines Tages zu meinem Vergnügen an Lorchens Fingern Tintenkleckse. Ich machte mein ernsthaftestes Lehrerinnengesicht und gebot Lorchen, den Tisch zu verlassen und mit sauberen Händen zurückzukommen. Unsaubere Hände bei Tisch seien ein Greuel. Lorchen erhob sich blutübergossen, Vater und Mutter sahen mich erschrocken an, Therese schlug die Augen nieder. In diesem peinlichen Augenblick sprang de Ber plötzlich auf: »Ick auch verehre saubere Hände« – und lief zur Türe hinaus, die andern Jünglinge hinter ihm drein. Und seitdem haben wir nicht mehr zu klagen.

Den 7. Mai feierten wir Oberlindner das hundertjährige Alter unseres Lindenbaums.

Mutter in ihrer Voraussicht hatte zwei große Kuchen gebacken und eine tüchtige Platte voll Sträuble. Gleich nach Tisch kamen die Freunde, und nicht nur diese, sondern auch alle Bekannte bis ins dritte und vierte Glied; auch Rotteck mit seinem lieblichen Töchterlein. Natürlich war mein ganzes Herz bei Maria von Verleb, aber ich konnte ihr nur zunicken, so viel gab's zu tun, um all die Gäste zu bedienen. Kamarädle Lenchen, Malchen Roth und Malchen Wänker, Baurittele und Fromherzle halfen uns getreulich.