Als auf dem Platz drunten die Schulkinder anmarschierten und eng die Linde umstanden, deren Zweige mit rot und gelben Schleifen geschmückt waren, die lustig im Sonnenschein flatterten, huben die jungen Stimmlein zu singen an.
Alles drängte sich auf den Altan oder an die Fenster, und man fand sich zusammen, wie man zusammen gehörte – die Hof-, Gerichts- und sonstigen Räte samt hochlöblichen Gemahlinnen, die Studentlein mit den jungen Mädchen, die alten Damen und die Hofrätin mit dem Strickstrumpf.
Unten der Gymnasialdirektor hielt eine Rede über die schöne Sitte, Bäume bei besonderen Anlässen zum bleibenden Gedächtnis einzupflanzen.
Er sagte uns: »Einen hervorragenden Platz nimmt in dieser Hinsicht die Linde ein. So hat die alte Zähringerstadt Freiburg im Breisgau zwei Plätzen die Namen Oberlinden und Unterlinden gegeben. Nach schriftlicher Überlieferung wird die obere Linde schon in einer Urkunde von 1291 erwähnt. Kriegszeiten und Friedenszeiten spielten sich unter diesen ehrwürdigen Bäumen ab, die nach ihrem Ableben immer wieder durch eine Nachfolgerin ersetzt wurden.«
Der Rede folgte ein Lied, an das sich die Austeilung der Brezeln anschloß. Die Kinder lärmten und schrien nach Lust. Zum nahen Schwabentor drängten die Bauersleute herein in ihren farbigen Trachten; darüber der tiefblaue Himmel in seinem strahlenden Sonnenglanz. Es war ein ungemein lebhaftes Bild, dem Maria und ich Arm in Arm vom Fenster aus zuschauten. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß Marias sonst so leuchtender Blick einen besonders müden, ja fast leidenden Ausdruck hatte. Es fiel mir schwer auf die Seele, allein ich überwand mich, und indem ich wohl innerlich litt, suchte ich Maria durch allerlei Späßle aufzuheitern, was mir Gott sei Dank gelang. Ich hatte, ganz von dem einen Wunsch beseelt, ihr liebes Gesicht zum Lächeln zu bringen, nicht gehört, daß sich die Türe öffnete, als plötzlich Professor Monz und Professor Schmidt vor uns standen. Ich ärgere mich noch jetzt über meine große Verwirrung in dem Gefühl meines tiefen Errötens. Aber beim Anblick von Professor Schmidt fielen mir unglücklicherweise Karolinens Worte ein, daß meine Augen nur zu deutlich verrieten, was ich empfinde. So fehlte mir im ersten Augenblick alle Haltung, und ich war nahe daran, in Tränen auszubrechen. Marias erstaunter Blick trug noch zu meiner Verwirrung bei, so daß ich ganz unvermittelt, bloß um etwas zu sagen, an Professor Schmidt die Frage richtete, ob er am nächsten Sonntag im Seminarium wieder predige, und fügte hinzu, ich hätte manchmal die Empfindung, als sei mir Gott in einer schlichten Kirche näher als in einer prächtigen.
»Wie stellen Sie sich Gott eigentlich vor?« wandte sich Monz mit einem gewissen Lächeln an mich.
Äußerst befremdet, gab ich ihm etwas empört zur Antwort, daß ich mir darüber noch keine Vorstellung gemacht habe. Ich wollte mehr sagen, fühlte jedoch, daß mich Professor Schmidt ansah, und wünschte darum sehnlichst, diesem Gespräch ein Ende zu machen. Aber schon erklärte Professor Monz, die meisten Menschen dächten sich Gott als einen bürgerlichen Mann, der fortwährend über dem Schuldbuch sitze und subtrahiere und addiere und jeden Heller dreimal umdrehe.
Da mußte ich unglückseliges Nannele wieder einmal zur Unzeit lachen, obwohl ich recht wohl fühlte, daß Professor Schmidts Augen auf mir ruhten. Er sagte mir beim Abschied:
»Ich hätte anderes von Ihnen erwartet!«
Ich verneigte mich zustimmend, wagte jedoch die Frage: »Warum treten Sie bei solchen Gesprächen nicht für mich ein, da es Ihnen doch ein leichtes wäre, Professor Monz zu überzeugen?«