Des Abends um acht Uhr war großer Ball im Kasino. Ich setzte mich des Nachmittags an meine Zeichnung, eine Kopie des hl. Johannes, als Mutter eintrat und mich schmälte, daß ich Therese nicht half, die so viel noch an ihrem Ballstaat zu tun habe. Und ob ich mein Versprechen vergessen, diesmal mit auf den Ball zu kommen, und was ich eigentlich vorhabe, anzuziehen.

Ich ließ Mutters Frage unbeantwortet, in der stillen Hoffnung, letzten Augenblicks in Ermangelung eines passenden Kleides zu Hause bleiben zu dürfen. Denn wenn mich meine Freundinnen auch oft bereden, auf das Kasino zu gehen, um mit ihnen in einem so glänzenden Raum zusammen zu sein, so hat das doch eigentlich keinen rechten Sinn, da ich des Unmuts nicht immer Herr werde: Warum muß ich bei den Müttern sitzen, jung wie ich bin, und kann nicht tanzen wie die andern? Daß gerade das lebhafte Bewegen in geschlossenem Raum mein Leiden sofort hervorruft, ist ein eigenes Geschick. Da ich mich darüber nur bei mir selbst beklage, so ahnen die Meinen freilich nicht, wie schwer es mir wird, einen Ball zu besuchen.

Ich hatte Therese frisiert, so wie sie's eigentlich nicht gern mag und es ihr doch so ausgezeichnet steht. In die buschigen Neige-Locken steckte ich zwei herrliche weiße Rosen. Therese kann es in der Kunst des Blumenmachens mit der ersten Modistin aufnehmen. Auch die von ihr verfertigten Ballschuhe sowie die Stickereien an ihrem weißen Kleid sind Meisterwerke ihrer Hand. Ich wollte schon, als Mutter hereintrat, mich empören, daß sie nicht ihr Blauseidenes, das ihr so gut steht, anhatte, sondern das schon etwas verbrauchte Schwarzseidene, als sie mich lachend in ihr Schlafzimmer zog, wo das blaue Seidenkleid ausgebreitet auf dem Bett lag, Mutters schönster Spitzenkragen daneben. Sofort erriet ich, wie es gemeint war, und flog Mutter unter Tränen um den Hals.

»Bisch ein Närrle«, sagte sie.

Und so stieg ich, sehr solide geputzt, mit den Eltern und Therese in eine Chaise, die Hermann hatte holen müssen, denn es regnete in Strömen. Auf dem Bock saß zum Unglück ein kreuzdummer Fuhrmann, der nicht einmal das Münster, geschweige das Museum finden konnte. Und so gelangten wir endlich nach einer halbstündigen Spazierfahrt durch alle möglichen Gassen zum Museum, ich ganz der Komik der Situation hingegeben, Therese voll Angst, keine Tänzer mehr zu bekommen. Alles im Museum war schon versammelt und erwartete den Großherzog und die Markgrafen. Da man nun das Anfahren hörte, glaubte man, es sei der Großherzog, und wir wurden von zwanzig Bedienten mit silbernen Leuchtern, den Vorstehern des Museums und einer Masse von Offizieren auf das ehrenvollste empfangen. Nachdem wir diese angeschmiert hatten, begaben wir uns hinauf in den Tanzsaal und schmierten noch den ganzen Adel an, der im Vorzimmer Spalier stand.

Der Ball war wundervoll. Dieses glänzende Getreibe, diese herrlichen Männer- und Frauengestalten an mir vorüberschweben zu sehen, wurde mir zu einem so großen Genuß, daß ich mich darüber ganz und gar selbst vergaß. Für mich war Therese eine der vornehmsten Tänzerinnen, und ich dachte im stillen: wie seid ihr Menschen doch so dumm, rotes Haar häßlich zu finden. Ich fand es direkt schön, wenn Theresens leuchtendes Haupt unter all den blonden und hell- und dunkelbraunen Haaren auftauchte. Ihr Gesicht ist blaß und schmal, ihre Augen sind dunkel. Aber ach, wie konnten diese sonst so stillen Augen aufleuchten, wenn Oberleutnant A. sie zum Tanze holte. Und er holte sie sehr oft. Ohne Klage, ohne sich je auszusprechen, trägt Therese das schwere Leid des Verzichtens mit sich allein. Denn wenn auch Vater imstande wäre, eine Kaution zu stellen, ich glaube, die Heirat mit einem Offizier würde nie seinen Beifall finden. Aber die Freude, eine der gefeiertsten Tänzerinnen des Museums zu sein, tut ihr doch wohl. Sie lebt im Tanze, sie schwebt, ihre Füße scheinen den Boden nicht zu berühren. Markgraf Max holte sie zweimal, und ich fürchtete für Theresens Lunge, denn statt einmal, wie mit den andern Damen, tanzte er mit ihr jedesmal dreimal herum. Auch der Fürst von Fürstenberg tanzte mit Therese. Es war den Eltern eine große Freude.

Ich war übrigens auf meinem isolierten Plätzchen durchaus nicht verlassen. Nach jeder Tour erschienen meine Kamerädle, um mir mit erhitztem Gesicht von den Annehmlichkeiten des Tanzes zu erzählen. Lenchen natürlich erschien am häufigsten. Malchen Wänker, Malchen Roth, Caton von Mohr, Fromherzle, Baurittele, Marie Ruof – kurz, sie brachten mich in so gute Stimmung, daß ich mir's gefallen ließ, daß die rosigen schimmernden, schwebenden Gestalten, die dunkle in ihre Mitte nehmend, mit ihr in einer Pause den Saal entlang spazierten.

Ich hatte mein Ballkärtchen und war auf fünf Schwätztouren engagiert, von Monz, Hofrat Amann, Welcker, Professor Zell, Reichlin. Auch Herr von Rotteck erfreute mich mit seinem Besuch, und Verleb, der mir Grüße von Maria brachte, die ihr Vorhaben, zu kommen, ihres weniger guten Befindens wegen hatte aufgeben müssen. Ich wollte, als ich das erfuhr, gleich den Ball verlassen und Maria Gesellschaft leisten, aber Mutter sagte: »Nannele, du bleibst jetzt bei uns.«

Amalie von Berg kam auch zu mir, gleich nach ihrem sehr späten Erscheinen, und fragte nach Maria, die sie zu treffen gehofft.

Ich bewundere Amalie von Berg. Es ist etwas so prachtvoll Gelassenes an ihr. Andre Mädchen springen sofort auf beim Beginn der Tanzmusik. Sie blieb ruhig sitzen und ließ ihren Tänzer warten. Hochgebildet, eine talentvolle Malerin, spricht sie, sobald sie meiner habhaft wird, sofort von ihrer Kunst, wohl empfindend, wie lebhaft mein Verständnis dafür ist. So ist unsre Unterhaltung immer nur auf diesen einen Punkt gerichtet und sehr ernst. Meine Heiterkeitsmöglichkeit, ich möchte sagen das Beste in mir, wird nicht geweckt, so daß es mir geht wie einem Kind, das traurig ist, weil sein Püpple keine Anerkennung findet. Bei Maria ist das ganz anders. Ich weiß nicht, wie sie's macht, aber sie versteht es, Heiterkeit bis zum Übermut in mir zu erwecken. Jedenfalls sind diese beiden Frauen die Sonntagsfreude meines Herzens, und obwohl sie nicht viel älter sind als ich, macht sie ihre Gewandtheit und Erfahrenheit in weltlichen Dingen meiner Einfältigkeit gewaltig überlegen. Amalie von Bergs Selbständigkeit kommt wohl auch daher, daß sie Waise ist, also früh auf ihr eigenes Urteil angewiesen war. Sie lebt hier bei ihrem Bruder, dem Hofgerichtsadvokaten Berg – ach, einem Kollegen unseres Xaver. –