14. 5. Am liebsten gehen wir des Nachmittags auf unser eingebildetes Landgütchen, wie wir den sogenannten Stahl tauften. Eigentlich ist's ein Stall und davor eine große, uralte Laube, in der wir residieren. Wir bringen Löffel, Gläser und Weckle mit, die Bäuerin versorgt uns mit frischgemolkener Milch. Wir Frauenswesen nehmen unsre Handarbeiten vor, und der Vater liest uns herrliche Aufsätze von Rotteck und Welcker aus der »Freisinnigen«. Wir erfahren, wie man in der Residenz in der Kammer den Reden dieser Männer lauscht, und sind stolz auf sie und freuen uns ihrer.

Oft auch stehle ich mich weg und ersteige den hinter dem Stahl liegenden Berg, in dessen Gewirr von Brombeerstauden und Farnkraut ich einen Pfad gefunden, der zur Karthause führt. Die frommen Brüder haben doch recht verstanden, immer das schönste Erdenplätzle für ihre Klöster ausfindig zu machen. Sie waren eben zu jener Zeit offenbar gescheiter als die andern Leut'.

Jetzt ist die Karthaus ein herrschaftlicher Besitz. Hinter dem zur Bergeshöhe führenden Garten hat man einen herrlichen Ausblick ins Tal, über Ebnet weg mit dem Gaylingschen Schlößle, hinüber nach Littenweiler und von da ins blaue Gebirg', das sich prächtig aufbaut hinan zum Himmel. Von dem Höchsten des Landes, dem kaum zu besteigenden Feldberg, sieht man nur mehr die Spitze. Ach, ihm gilt meine Sehnsucht, das heißt, sie gilt dem verklärten Bruder, der als Student mit jungen Freunden sich erkühnte, den unwegbaren Berg zu ersteigen. Ein paar Tage waren sie unterwegs, die Eltern schon in Angst um unsres Xaver Leben, da plötzlich erschien er mit rotverbranntem Gesicht, laut und froh trat er ein, begeistert von seinem Erlebnis, das er uns mit der ganzen Lebendigkeit seines Wesens schilderte. Stunden hatten sie gebraucht, vom frühen Tag bis zum Sonnenuntergang, bis sie durch tiefe Waldungen führende Holzwege Schritt für Schritt vorwärts kamen. Oft hörten diese Wege auf, und sie mußten sich durch dichtes Gestrüpp arbeiten, steilen Abhängen entlang, aus denen wilde Wasser rauschten. Zuweilen standen die hohen schwarzen Tannen so dicht, daß sie wie in Nacht gingen. In den Lichtungen tauchte Wild auf, ganze Familien, und über den Wäldern kreisten Raubvögel. Endlich schien der Weg ebener zu werden. Sie schrien vor Freude laut auf, als sie den Rauch eines Kohlenmeilers gewahrten. Erhitzt und todmüde kamen sie vor einer Holzhütte an. Auf ihr Rufen erschien ein Mann mit geschwärztem Gesicht. Er konnte sich nicht genug wundern, daß Städter, die's doch nicht nötig hatten, auf den »wüschte Berg« klettern mochten. Mordsfrisch sei's gewesen. Die jungen Leute machten sich ein Feuer und holten ihren Proviant hervor. Der Kohlenbrenner brachte ein schwarzes Stück Speck herbei. Mit Wein und Brot waren die Studenten genugsam versorgt. Der Mann, der, wie er sagte, lang keinen so guten Tag gehabt, wies ihnen den Weg zur nächsten Viehhütte. Dort erhielten sie ein Nachtlager im Heu, schliefen prächtig, tranken in der Frühe frische Milch und setzten ihren Weg fort, von einem Kohlenmeiler zum anderen, von Viehhütte zu Viehhütte, überall nach ihrem Ziel, der Spitze des Feldberges, fragend. Die dichten Tannenwälder machten allmählich weiten Flächen Platz, mit hochstengligem Lattich, dessen gelbe und lila Blüten weithin leuchteten. Dann wurde der Boden karg. Herden weideten mit Glocken um den Hals. Die Hirten, ungewaschene, borstige Gesellen, sahen wie die Räuber aus. Auf die Frage nach der Spitze des Berges deuteten sie zum rötlichen Abendhimmel. Erst ging's noch durch eine Mulde – es kam eine zweite, dritte – dann aber – ein Rausch des Entzückens erfaßte die jungen Leute, als sie auf der Spitze des Berges ankamen. Die weißen Zacken, die sich längs des Firmaments hinzogen, hielten sie zuerst für Wolkengebilde. Plötzlich aber erkannten sie an der Unveränderlichkeit und dem harten Glanze dieser Gebilde, daß sie es nicht mit Wolken zu tun hatten, sondern es war die Alpenkette der jenseitigen Schweiz, die sich in wunderbarer Klarheit vor ihnen enthüllte.

Da brachen sie, überwältigt von dem Anblick einer so herrlichen, nie geahnten Natur, in Tränen aus, knieten nieder und huben an zu singen. Hätten wohl auch so bis in die Nacht hinein gesungen, aber es kam ein Hirte, der ihnen sagte: »Mache, daß ihr heimkumme, ihr Herre, wenn d' Alpe am Himmel stohn, isch der Rege nit wit.« –

Damals bat ich den Bruder: »Gelt, Xaver, nimm mich das nächstemal mit?«

Und er versprach's: »Ja, ja, Nannele, das nächstemal nehm' ich dich mit.«

Und jetzt ist mir der Feldberg, dessen Spitze so stolz alle anderen Berge unseres Landes überragt, nicht weniger fern als der teure, noch höher wohnende Bruder.


27. 7. Ich habe gestern meinen Namenstag gefeiert. Mein erstes Beginnen war, in das Münster zu gehen und meinem Schöpfer zu danken für alle Wohltat, die er mir, seit ich lebe, in seiner Gnade zukommen ließ. In einer solch einsamen Stunde, in der der Mensch nur Gott und sich selber angehört, in der man zurückschaut auf das verflossene Jahr und wohl auf seine ganze Lebensbahn – in einer solchen Stunde feiert das Gemüt seinen stillen Festtag. Wie vieles hat sich zugetragen in den letzten Jahren – Xaver nicht mehr auf Erden, die geliebte Schwester im fernen Norden – Vaters Krankheit – Mutter, die durch Nachtwachen um alle Kraft gekommen war – ach, nach so einem Puff des Schicksals, wie froh ist man, wenn er überstanden ist, wie dankbar, wenn nicht der Püffe noch mehrere folgen. Leider ist für mich ein kleines Püffle zum Namenstag nicht ausgeblieben – von Caton keinen Brief! Ich weiß ja, das liebe Schwesterle ist ein wenig saumselig, und doch kränkt's. Außerdem ist mir bang, Caton und Petersen vielleicht durch eine Ungeschicklichkeit verletzt zu haben, indem ich ihnen in meinem letzten Brief den Vorschlag machte, sie möchten mir in diesem Jahr nichts schicken, im nächsten auch nicht, im dritten Jahr aber was Rechtes, z. B. ein Jean Paulsches Werk, wie »Hesperus« oder »Quintus Fixlein«. Oder ein Herdersches: den »Cid« oder Schulzes »Zauberrose« oder Ehrenbergs »Würde der Frauen«.