O wie fürchte ich nun, diese meine Ansprüche könnten zu groß gewesen sein, und meine Unbescheidenheit möchte Verdruß erregt haben.

Die schöne Feier meines Festes half mir über diese Stimmung Herr werden, schon der Anblick des herrlich geschmückten Frühstücktisches, in dessen Mitte eine ungeheure Brezel thronte. Die Kamerädle Lenchen und die Malchens nahmen am Frühstück teil, nachdem de Ber mit der Gitarre erschien und mir zum Geburtstag die Gnadenarie in deutscher Sprache vorsang. Da er aber immer statt Gnade – Dade aussprach und dabei die Augen zum Himmel hob wie ein Verzweifelter, wollte das böse Mädchenvolk vor Lachen fast gar bersten.

Als besonderes Benefiz durfte ich den Morgen mit Lesen und Stricken zubringen und meine Gratulanten und deren Geschenke in Empfang nehmen. Ach, und es wurde mir mehr zuteil, als ich je zu hoffen gewagt. Herr von Verleb überreichte mir im Namen seiner Frau nicht mehr und nicht weniger als – Schillers Werke! Ich nahm sie in Tränen ausbrechend in meine Arme und wäre am liebsten damit durch alle Zimmer gelaufen, in die Küche, zur Mutter. Aber es waren der Bändlein so viele, daß etliche davon auf den Boden kollerten, und wir zu tun hatten, bis alle glücklich auf meinem Namenstisch aufgestellt waren. Herr von Verleb lud mich ein, nächsten Sonntag mit ihm ins Suggenbad zu fahren, wo Maria schon drei Wochen zur Kur weilt, und die Aussicht, sie wiederzusehen, war vielleicht noch das Kostbarste meiner Geschenke.

Professor Schmidt beschenkte mich mit Klopstocks »Messiade«, Professor Monz mit Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, und es berührte mich sehr eigen, Monz über Schmidts Geschenk ein wenig wegwerfend lächeln zu sehen, während dieser beim Weggehen mir leise, aber mit eindringlichen Worten riet, das Herdersche Buch nicht zu lesen, es eigne sich nicht für ein junges Mädchen. Er wollte ein Versprechen, allein ich schwankte und erbat mir Zeit zum Überlegen.

Es ist nicht anders zu verstehen, als daß mich Monz weiterbilden, Schmidt aber zurückhalten möchte in jener Unschuld des Nichtswissens, von der er neulich auf der Kanzel sprach, immer wieder darauf zurückkommend: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet. Und ist es nicht wie eine Schickung Gottes, daß nicht er, sondern Monz es ist, der meiner so regen Wißbegierde Vorschub leistet? Den Herder habe ich einstweilen ganz zu unterst im Weißzeugschrank vergraben.

Bei Tisch hielt de Ber eine deutsche Rede auf das Namensfest seiner Lehrerin, die alle Ursache hatte, auf ihren Schüler stolz zu sein. Mein bescheidenes Annele hatte mir eine in französischer Sprache verfaßte Gratulation unter den Teller gelegt – halt so so – und Lorchen, die bei ihren künftigen Schwiegereltern in der Residenz ist, schickte mir eine Schokoladentorte und ein Brieflein, in dem sie aber das Gratulieren vergaß, vor lauter Glück über ihr eigenes Glück, das in einem Leutnant besteht, der sie nächstens zum Altar führen wird.

Den Nachmittag und Abend bis neun Uhr brachte ich im Kreise der Meinen und der Freunde im neuen Tivoli in Herdern zu, wo zu Ehren sämtlicher Freiburger Annen eine glanzvolle Beleuchtung stattfand.


4. 8. Heute mit Professor von Verleb ins Suggenbad gefahren. Ich fand ihn unterwegs sehr ernst, fast gedrückt, was mich nicht wenig ängstigte, indem ich Marias Befinden damit in Verbindung brachte. Ich erlebte jedoch die angenehmste Enttäuschung. Nie habe ich Maria so rosig und heiter gesehen, ja, ihre Augen hatten geradezu einen überirdischen Glanz. Sie hat sich's gar herzig und behaglich im Suggenbädle eingerichtet und hat nur eine Klage – daß die Wirtsleute gar zu sehr der Meinung seien, ihr immerfort Gesellschaft leisten zu müssen, kaum habe sie sich's bequem gemacht an ihrem lauschigen Waldplätzle. Einmal, sie sei ganz vertieft in Tiedges »Urania« gewesen, als bei der schönsten Stelle: