»Bei Lotte ja,« sagte Caton, »bei dir wär's nicht möglich. Aber Lotte braucht einen Halt, eine Pflicht. Unglücklichsein ist keine Lebensaufgabe. Sie soll nicht denken, wir halten sie zurück, sie soll denken, wir freuen uns, wenn sie einen neuen Wirkungskreis findet.«

Ich war ganz erstaunt. Hatte sie nicht recht?

»Wie kurzsichtig war ich!« rief ich aus.

Und Caton nickte: »Aus lauter Bravheit.«


Große Fahrt in Oberamtmann Eichroths Wagen nach Laufenburg, wo gerade Jahrmarkt war und wir Gelegenheit hatten, das bunteste Treiben von Menschen zu beobachten – Hauensteiner, Schweizer und sonst noch der ländlichen Trachten mehr. Wir hatten aber nur Zeit zu einem Frühstück. Unser Ziel war Waldshut. Dort winkten uns die Freunde der Eltern, Turbans und Holzmanns, schon aus den Fenstern entgegen. Therese, Lotte und Hermann wohnten bei den letzteren, Caton und ich im gastlichen Turbanshaus. Ach, welche Tage verlebten wir hier an Traulichkeit und wieder unnennbarem Entzücken im Beschauen der paradiesischen Aussicht – vom Rhein, den Dörfern und Bergen und weiterhin, jenseits des Ufers, der eisigen Jungfrau und des majestätischen Rigi.

Des Abends versammelte sich die Waldshuter Jugend bei Turbans; es wurden Gesellschaftsspiele gemacht, deklamiert, gesungen, und ich hatte nicht selten Gelegenheit, zwei Finger gegen Caton zu erheben, wenn die Hofmacherei ein wenig gar zu lebhaft wurde.

Herrn Turbans Güte und Unternehmungsgeist verdanken wir den schönsten, jedenfalls interessantesten Teil unserer Reise. Den herrlichen Rheinfall bei Schaffhausen durften wir sehen, gleichsam die Krone unserer Erlebnisse.

Auf dem Wege dahin beschauten wir die dortige Schmelze, einen tief in die Erde gegrabenen Feuerofen, aus dem eine gräßliche Brunst in allen möglichen Farben hoch und wild aufloderte. Unwillkürlich mußten wir an Schillers »Fridolin« denken.

Auf dem Fußpfade längs des Rheinufers, der uns zum Wasserfall bringen sollte, bildeten sich Brandungen, die von der Gewalt des Sturzes brausend gegen das Ufer schlugen. Noch ein paar Schritte, und der mächtige Rheinfall stürzte von seiner Höhe herab ins wirbelnd aufzischende Wasser. Wir bestiegen einen Kahn und glitten, gefährlich auf und nieder gewiegt, auf dunkelblauer Wogenflut dem tosenden Sturz immer näher – zaghaft und still, von heiligem Schauer durchbebt. Am jenseitigen Ufer, am waldigen Felsberg, auf dem das Schloß Laufen steht, landeten wir und fielen uns voll Dankbarkeit, einer so großen Gefahr entronnen zu sein, freudig in die Arme. Nur Hermann lachte und verbat sich jeden Kuß. Wir stiegen auf einem mit Geländer versehenen Fußpfade höher und höher, tief hineinschauend in das schäumende Wogenmeer, dessen urgewaltige Stimme jeden Laut ringsumher verschlang.