Aber Therese schüttelte entschieden den Kopf: »Mutter braucht mich zu nötig.«

Die Fahrt war herrlich frisch. Wir hatten alle ein wenig Kopfweh vom Punsch. So waren wir nicht ausgelassen wie am Abend zuvor, aber angenehm heiter und gemütlich. Baron Otto sagte beim Abschied zu Caton: »Sagen Sie nur immer gleich jedem, daß Sie zwei Büble haben.« –

Wir kamen kurz vor Tisch in Säckingen, unserm Hauptziel, an. Ach, in unserer lieben Stiftsmühle, unsrer wohl sechsten Heimat auf dieser Erde, denn wo nicht überall haben wir eine Heimat durch herzensgute Menschen? Vaters Bruder, der Stiftsmüller, ist ebenso dick, als Vater schlank ist, und ebenso laut, als dieser leise ist. Mit dröhnender Stimme jammerte er uns während des ganzen Mittagessens von den alten österreichischen Zeiten vor, daß er halt an die dreißig Johr seinem Kaiser, dem Franzele, angehangen und halt den Franzele nit vergessen kann, aber au nit vergesse mag, wennschon der Herr Bruder, der Herr Kreisrat, ein badischer Beamter worde sei; der Kreisrat sei halt kei ordentlicher Säckinger mehr, sondern früh in die arg Welt naus komme, wo's die Leut' mit der Treu nit so ernst nehme. Aber in Säckingen, da halt' man am Alte bis zum letzte Schnapper und drum am Kaiser, am Franzele – der Großherzog könnt' jo eneweg der Provisor sein, da hätt' er, der Stiftsmüller, nit's geringste dagegen. Aber – und er legte den Finger an die Nase – der Kaiser isch der Öberscht.

Die Stiftsmüllerin, die mir wohl ansah, daß ich eine Einwendung machen wollte, gab mir einen kräftigen Tritt unter dem Tisch und flüsterte mir zu, während ihr Mann lautschnaufend den Braten tranchierte: »Loß en rede, loß en rede.«

Und der Stiftsmüller sprach weiter: »Ich sag jo nit, daß es der Großherzog nit nett macht, sei Regierung ischt nit übel, aber wenn's au der Franzele nit halb so nett g'macht hätt', der Franzele isch halt der Franzele, und zu Säckinge isch ein Denke, und wollt ihrs nit glaube, so goht zu dene alte Huzle, die üwrige Stiftsdame, do könne ihr was erlebe an Hüle und Zähneklappere nach de alte österreichische Zite, und drobe im Wald, die Wälder, die glaube 's noch hüt nit, daß sie nimmer zu Österreich g'höre, und sie glaube 's au in fufzig Johr noch nit.«

Und alle saßen wir still und schwiegen, lächelten nur ein wenig, wenn die alte Geschichte aufs Tapet kam, waren aber im Innern dem herzensguten Onkel nicht böse.

Ach, liebe Eltern, wie sind wir doch so glücklich und auch so dankbar für diese so wundervolle Reise. Güte, Wohlwollen, prachtvolle Ausflüge, deliziöse Gerichte, himmlische Betten – wo aufhören mit all dem Segen! Und was mir so wichtig ist – auch stille Stunden, die Möglichkeit, alles Erlebte an die Eltern zu berichten, damit sie sich mit uns freuen, und diese Briefe dann noch schnell in mein Tagebuch abzuschreiben. Oder mit Caton am Rhein entlang zu gehen, in vertrauten Gesprächen, dabei das Auge labend an den grünlich dahinziehenden Wogen. Ich schüttete ihr mein Herz aus, und für alles hatte sie ein lachendes Wort und schob, was mir schwierig dünkte, mit der Hand nur so weg, daß ich schließlich über meine eigenen Nöte lachen mußte.

Und ich will nie vergessen, was sie mir sagte: »Du und Therese, ihr seht manchmal Lotte so verwundert an, wenn sie ausgelassen ist. Soll sie ewig um Xaver trauern? Ich bin der Meinung, daß sie wieder heiraten soll.«

»Nach Xaver!« rief ich aus. »Ist das möglich?«