Erst nach ein paar Augenblicken wurde mir klar, was sie damit meinte, und ein tiefes Erstaunen erfaßte mich bei diesem neuen Erkennen. Also nicht nur bei den Bürgerlichen, deren Mittel beschränkt sind, ist das arme Talent gefährdet, auch bei den Adligen hat es keine Heimat, und zwar als eine nicht ebenbürtige Dreingabe. Nun denke ich nicht länger: O ihr glücklichen, durch Sparerei so wenig bedrückten Menschen, denen alles erreichbar ist – ihr habt auch euer Brett, und ein gehöriges. –
Aber ich merkte bald, unter den Tanzenden nahm der Übermut gar mächtig zu. Ein paar Gläser Punsch waren rasch hinuntergestürzt worden, die Gesichter glühten. Hermann tanzte ganz allein um sich selbst herum, mit den Armen Bewegungen machend, als befinde er sich im Freiburger Schwimmbädle. Therese mit Baron Wolfgang schwebte zwar immer noch schön und ruhig dahin, ohne jedes Echauffement, wie das ihre Art war, aber mein Catonle und Lotte mit ihren Tänzern, da ging's ein wenig allzu toll her für eine junge Frau mit Kindern und eine Witwe.
War ihnen alles in Vergessenheit geraten?
Oh, der schlimme Baron Otto. Einmal beim Tanzen hob er Caton hoch in die Höhe. Baron Albert machte es mit Lotte nach, was nicht so gut gelang. Herr von Schönau und seine Frau lachten Tränen. Die steifen alten Fingerle der Stiftsdame hackten immer rasender auf die Tasten ein. Herr des Himmels, lag da nicht Otto vor Caton auf den Knien und rief im höchsten Pathos: »Caton, ich habe dich immer geliebt, liebe auch mich!«
Und sie – o sie war zum Fressen – legte das Händlein auf die Brust und flötete mit nicht zu beschreibender Schalkhaftigkeit:
»Ritter, treue Schwesterliebe
Widmet dir dies Herz.
Fordere keine andere Liebe,
Denn es macht mir Schmerz. –
Außerdem hab' ich zwei herzige Büble« – setzte sie auflachend hinzu.
»Auch noch zwei«, schrie Baron Otto.
Die Musik verstummte, und unter lautem Gelächter brachte uns die ganze Familie, jedes mit einem Leuchter, in unsre Schlafgemächer. Da hatten wir alle schon öfters genächtigt als Kinder mit unseren Eltern, und so fühlten wir uns gleich heimisch, indem sich jedes das Bett aussuchte, in dem es früher schon geschlafen hatte.
Am andern Morgen holten sie uns wieder ab zum Frühstück, und es entstand ein großes Lamento, als wir erklärten, gleich nachher unsre Wanderschaft fortsetzen zu wollen. Es kam uns freilich hart an, aber Vater hatte uns ans Herz gelegt, die Güte unsrer Gastgeber so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen. Baron Otto bat sich aus, wenigstens unser Fuhrmann bis Säckingen sein zu dürfen, was wir mit unverstellter Wonne annahmen. Baronin von Schönau sagte beim Abschied zu Therese: »Frage doch deine Mutter, ob sie dich mir nicht überlassen könnte.«