»Eure Mutter hat damals genau so wie Caton ausgesehen, wie sie als junge Amtsmännin in Zell einzog.«

»Therese und Anna gleichen meinem lieben Villinger«, erklärte der Baron. »Kinderle, auf eurer Eltern Wohl!«

Das ging so fort, wir hatten alle rote Köpfe, aber die Stiftsdame trank tapfer mit, und Hermännle gegenüber gab ich manchmal einen kleinen Fußtritt, daß er des Guten nicht zu viel tue. Die Barönle aber vergaßen sich immer wieder und duzten uns wie früher, als wir noch Versteckens mit ihnen im Schloß spielten.

Kaum waren wir aus dem Speisezimmer in den großen Saal getreten, als auch schon die Stiftsdame am Klavier saß und einen gemütlichen Ländler aufspielte. Und siehe, da schwebte auch schon Therese mit Baron Wolfgang durch den mit Kerzen beleuchteten Saal. Baron Otto, der scharmanteste von allen, hatte Caton geholt, Baron Albert Lotte. Ein wenig verlegen stand Hermann unter der Tür, als die Frau Baronin ihn aufforderte, ein Tänzlein mit ihr zu wagen.

»Er macht seinen Schwestern Ehre«, sagte sie, als er sie mit einem etwas ungeschickten Diener auf ihren Platz zurückbrachte.

Herr von Schönau hatte mich zum Tanze führen wollen, allein ich hatte schon die Gitarre vom Nagel genommen und machte mich als Musikantin wichtig. Einen Anfall meines Übels in der Nacht befürchtend, blieb ich auch standhaft gegen das Andrängen der Söhne, die mich immer wieder zum Tanze verführen wollten. Es gefiel mir an meinem Platze neben der Stiftsdame. Ihre paar Tanzweisen, die sie immer wieder von vorne anfing, konnte ich nach zweimaligem Anhören prächtig mit der Gitarre ergänzen, dabei nickte mir die Stiftsdame, die schon uralt sein muß, denn sie war schon alt, als wir noch Kinder waren, immer wieder freundlich zu. Wir plauderten auch zuweilen, denn die Musik ging von selbst. So fragte ich sie nach dem großen Bild an der Wand gegenüber, das eine herrliche, volle Frau darstellte – mit roten Haaren. Die Stiftsdame sagte mir, es sei eine Kopie nach Rubens, die sie in ihren jungen Jahren im Stift gemalt. Sie setzte hinzu: »Du mit deinen frischen Farben und roten Haaren wärest recht nach dem Geschmack eines Rubens gewesen.«

Nun freute ich mich über die Maßen, daß ein so großer Künstler rote Haare schön fand und ich mich meines Geschmackes nicht zu schämen brauchte.

Bei näherer Betrachtung fand ich jedoch, daß das Bild nur einzelne wohlgelungene Partien aufwies, von recht mediokeren zuweilen unterbrochen. Ich fragte die Stiftsdame, ob sie bei ihrem so ausgesprochenen Talent nicht Lust gehabt hätte, sich bei einem Meister ausbilden zu lassen.

Sie lächelte und meinte dann: »So etwas ist in unserer Position doch nicht möglich.«