»Ich bin wieder ein Mädele,« sagte sie, »fast vergeß' ich, daß ich zwei Büble hab'« – und begann laut zu singen, mußte aber schnell aufhören, denn fast senkrecht ging's nun in die Höhe. Die Mittagssonne brannte heiß. Hermann mit seinem Ränzlein keuchte hinter uns her und führte auch noch Lotte am Arm, die laut stöhnte und nach dem Gaul jammerte. Ich schlug vor, ein Weilchen zu rasten, holte aus meiner Reiseapotheke Hoffmännische Tropfen, die Lotte sofort neu belebten. Schön war's, zurückzublicken auf die Gebirgskette und das wildschöne, mit Strohhütten übersäte Tal. Neu gestärkt von der kurzen Ruh, erklommen wir den Rest des Berges. Therese erwartete uns und wollte mir den Klepper abtreten, aber es waren nur noch fünf Minuten bis zum Bildstöckle, und nicht um vieles hätte ich den Triumph hergegeben, als Heldin des Tages hervorzugehen. Hermann, dem man den Gaul antrug, wies ihn höchst beleidigt mit den Worten zurück: »Ich bin doch ein Mann!« Und so stieg Lotte auf, bekam aber Hermanns Ränzle mit auf den Gaul.
Nach ungefähr einer Stunde waren wir am Ziel, das wir laut jubelnd begrüßten. Ein kleines Wirtshaus nahm uns auf, und wir stillten unseren ungeheuren Hunger an gerösteter Suppe, gesottenen Erdäpfeln und einer herrlichen Kratzede. Weiter zogen wir, mutig wie junge Rößlein. Durch dichtes Buchengehölz führte nun der Weg, an einem lustigen Bach vorbei, der sich über unzählige grünbemooste Felsenstücke ergoß. Gelbgrüne Weidberge taten sich vor uns auf, Ziegen und Schafe kletterten und sprangen umher, ein Hirte pfiff auf einer Pfeife. Dies brachte uns auf die Idee zu singen, da die Musik der Menschen Füße hebet, und wir marschierten so im Takt wohl ein Stündlein einher. Aber in Alpenschwand mußte der Lebensdocht wieder etwas geschürt werden. Ich bat die Vogtfrau zu melken, und nie auf der Welt ist eine Milch gieriger hinuntergeschlürft worden. Ein wenig seufzend machten wir uns auf den Weg. Es galt nun wieder zu steigen, und zwar über den Zeller-Blauen, in dessen Wäldern sich ein unheimliches Dämmern entfaltete, so daß wir uns alle bei den Händen nahmen und einen kräftigen Gesang anstimmten, mit verstellten Baßstimmen, von wegen der im Hinterhalt steckenden Räuber. Himmel, und was sahen wir jetzt auf einem nahen Hügel – brennende Männer waren's, die sich dehnten und sprühten, aneinander- und wieder zusammenkrochen. Wie lebt' ich jetzt wieder in Zell und seinen Märchen – verkohlende Erdäpfelstauden waren's, die wir von unserer Kinderstube aus erblickten und für böse, strafwürdige Dämonen hielten.
Wir standen auf dem Gipfel des Blauen, die Luna glänzte in voller Glorie, und die herrlichste Landschaft tat sich vor uns auf, wenn auch die Ferne bereits in düstere Nachtschleier gehüllt war.
Plötzlich erblickten wir Zell, das Ziel unserer Wanderschaft, ganz nah, wie in einem Bergschacht vor uns liegen. Ein Freudenschrei entfuhr uns insgesamt; die Füße wußten nichts mehr von Müdigkeit, wir stürmten ins Städtle, das unser aller Geburtsort war.
Aber merkwürdig, unsere Freude verstummte plötzlich. Das Städtchen war wohl hübscher geworden, aber es gefiel uns nicht mehr wie ehedem. Wo unser Haus gestanden, steht nichts mehr. Nur der Steg, der über den Bach zu Monforts führte, heimelte mich noch an. Aber die lieben Verwandten Monfort hatten sich in ihrer Herzlichkeit nicht verändert. Die Bäsle brachten uns behagliche Hausschuhe für unsere müdgelaufenen Füße, und wenn wir auch kreuzlahm waren, so waren wir auch kreuzfidel. Onkel Förster sagte: »Was, 's Caton soll verheiratet sein? Isch's nit noch grad' so übermütig wie 's jüngst' Mädele?«
Und ich erzählte, wie Therese immer mahne: Caton, so gib doch acht auf deine Kinder – und wie der kleine Rudolf, der vom Stuhl fiel, erst vorwurfsvoll der Mutter zurief: Mama, so gib doch acht auf mich! – und dann erst losbrüllte.
Wir hatten gleich am andern Morgen weitermarschieren wollen, allein die Verwandten ließen es nicht zu, wir mußten den Pfarrer und Lehrer und alle möglichen Bekannten besuchen, und nach einem ungemein fröhlichen Mahl fuhr uns Onkel Förster mit seinen zwei schönen Rappen nach Wehr. Wie schön ging's nun durchs anmutige heimatliche Wiesental, und so ohne alle Mühseligkeit, unter heiterem Plaudern. Oh, die Welt kann ein Paradies sein – aber ein paar Rößle gehören freilich dazu.
Als wir am Wehrer Schloß anfuhren, empfingen uns die Domestiken mit der Nachricht, die Herrschaft sei in Säckingen, komme aber vor Abend zurück. Der Verwalter erschien, dienerte höflich und schloß uns den unteren Saal auf, mit der Frage, ob wir übernachteten. »Natürlich«, sagte Caton, die dem Herrn offenbar ganz besonders gefiel, denn er schob ihr extra einen Fauteuil hin, und wir wurden mit Wein, Konfekt und Tee bewirtet. Wir waren gerade mitten beim Schmausen, als Baron Wolfgang erschien und gleich darauf die ganze Familie mit allen Söhnen und der Stiftsdame, und es war eine große Freude für uns, wie der alte Herr von Schönau, dann seine Frau und so eines nach dem andern hereinstürzte mit dem Ausruf: »Wo ist der Villinger, wo ist er denn?« –
Und so viele unser auch waren, sie konnten sich nicht zufriedengeben, und bei Tisch hieß es einmal um das andere: »Ach, daß Ihr Vater nicht mitgekommen ist!«
Herr von Schönau erzählte, wie behaglich und vertraulich der Verkehr mit unsern Eltern gewesen sei, als diese im nahen Zell lebten. Und Frau von Schönau fügte hinzu: