O Nannele, danke Gott, er hat dich behütet!
15. Juni. Samstag wurde »Oberon« gegeben zu Ehren der Polen. Amalie von Berg hatte mich in ihre Loge eingeladen. Wir Mädchen saßen auf den vorderen Plätzen. Hinter Amalie Kozlowski, hinter mir Zarembecki. Der Eintritt der Polen wurde mit einem stürmischen »Vivat Polonia« begrüßt. Amalie hatte sich erhoben, sie schwenkte das Taschentuch, ihr wunderschönes Gesicht leuchtete vor Begeisterung. Sie zitterte, als sie sich niedersetzte. Kozlowski beugte sich zu ihr. Sein edles Gesicht war leichenblaß. Und ich fühlte – ja, es war eine Gewißheit in mir, hier flammten zwei Herzen zusammen in unaussprechlicher Liebe. Ach, und schon erkannte ich den Widerstand, der ihrer wartete, den mißbilligenden Blick aus ihres Bruders Augen, der in der Loge nebenan saß und seine, sich ganz ihrer Begeisterung hingebende Schwester etlichemal anrief. Aber sie hörte nichts.
Grotecki hatte sich in Welckers Loge erhoben und hielt eine französische Anrede, worin er Deutschlands Freiheitseifer pries und diesen durch die Schilderung seines unglücklichen Vaterlandes noch höher entflammte. Er teilte mit, daß der polnische Feldherr Kosinski jeden Augenblick eintreffen könne, und er darauf brenne, Freiburg den Edelsten der polnischen Helden vorzustellen.
»Oh«, rief er aus, trat ein wenig zurück und wies auf Frau Welcker, die schlicht und bescheiden in der Ecke ihrer Loge saß, »wie soll ich sie nennen, diese Edelste der Frauen, unsre Vorsehung will ich sie nennen – unsern Kindern wollen wir ihren Namen verkünden, und unsre Kinder sollen ihn weiter segnen von Geschlecht zu Geschlecht – Madame Emma Welcker. Verwundete Polen liegen in ihrem Haus, die sie pflegt, wie nur eine Mutter pflegen kann. Unbemittelte polnische Studenten finden Unterstützung bei ihr, hilfreiche Güte. Wer hat an verschiedenen Stationen, wo unsere armen Emigranten haltmachen müssen, gastfreie Häuser ausfindig gemacht, die die Flüchtlinge in Empfang nehmen und wieder weiter befördern? Madame Emma Welcker. Und was tat sie für unsere armen verlassenen Kleinen? Eine Lotterie hat sie ins Leben gerufen zugunsten der verwaisten Polenkinder, eine Aufforderung an alle Stände Badens, teil an dieser Lotterie zu nehmen, zu der sie ein kostbares Korallenhalsband als Preis stiftete. O diese unermüdliche, edelste der Frauen – leitete sie nicht die Emigration verschiedener Kinder und Frauen aus Polen über Breslau und Dresden zu ihren verbannten Vätern und Gatten nach der Schweiz, nach Frankreich? Übervoll ist mein Herz von Dankbarkeit, Ehrfurcht und Liebe für diese hochherrliche Frau. Sie lebe – hoch lebe Madame Emma Welcker – Vivat Germania!«
Unsere Musensöhne schrien:
»Vivat Polonia!« – und stimmten Bundes- und Freiheitslieder an. Wir Frauen sangen mit, weinten und umarmten einander. Mitten in diesem Tumult ertönte der Ruf: Kosinski. –
Er erschien an der Rampe der Welckerschen Loge. Eine unbeschreibliche Begeisterung ging los. Er verneigte sich und grüßte mit der Hand, mit einer Würde, einem Anstand und auch wieder mit einer solchen Trauer, daß alles in Tränen ausbrach.
In diesem Augenblick erhob sich der Vorhang, ein Sänger trat vor und brachte einen von Professor Reichlin für die Polen gedichteten Gesang zum Vortrag.
In der nächsten Pause kam Grotecki in unsre Loge. Kozlowski stellte ihn mir vor: